1. Einführung

Der Begriff der Bildung im heutigen Sinn hat sich im Deutschen erst relativ spät entwickelt. Erst Jacob Böhme (1570-1624) verwendet ihn nicht für die Formung eines Gegenstandes, sondern für die geistige Formung eines Menschen. Klopstock (1724-1803) benutzt Bildung dann bereits im pädagogischen Sinn, in dem sie auch Goethe geläufig war. Insgesamt wurde Bildung erst im 18. Jahrhundert zu einem gängigen Ausdruck. Sie läßt sich in zweifacher Hinsicht definieren, einmal als Bezeichnung der geistigen Gestalt eines Menschen, gemessen an den Werten des Kulturkreises, in dem er lebt, aber auch zur Charakterisierung des Prozesses der Selbst- und Fremderziehung zu dieser Gestalt. In diesem Sinne - als lebenslanger Vorgang für alle Schichten eines Volkes - wird er auch im Rahmen dieser Vorlesung behandelt. Dabei steht weniger das Ausbildungssystem der byzantinischen Welt als vielmehr die Formung des homo byzantinus im Gegensatz zum Menschen im westlich-lateinischen Mittelalter im Vordergrund. Allerdings werden konkrete Vergleiche zugunsten der Konzentration auf den Osten keinen großen Raum einnehmen.

Die „griechisch“ denkenden Menschen unterschieden sich in vielen Bereichen von ihren lateinischen Nachbarn, vor allem wegen des Erhaltes und Fortbestandes der Staatlichkeit im Osten, wegen der unterschiedlichen Ethnizität und wegen des Zugangs zu den Errungenschaften der antiken Kultur. Während das byzantinische Reich nie den Boden der antiken Welt verließ, breitete sich das westliche Mittelalter auch in Gebieten und unter Völkern (z.B. in Germanien) aus, die kaum mit dem römischen Reich in Berührung gekommen waren. Außerhalb Italiens wurde deshalb der antike Einfluß im Westen schwächer, während er im Osten ungebrochen war. Hinzu kamen zwei wesentliche Charakteristika der griechisch-byzantinischen Bildung: die griechische Sprache und der christliche Glauben. Von der Antike unterschieden sich beide Reichsteile durch ihren Bezug zum Christentum gleichermaßen, aber während das Latein des Westens im wesentlichen eine Fremd- bzw. Gelehrtensprache war oder im Laufe der Zeit wurde, blieb Griechisch für alle Byzantiner Muttersprache. Auch wenn es durchaus unterschiedliche Sprachebenen gab und nicht jeder problemlos die Texte Homers lesen konnte, war der Zugang zur Antike doch erheblich einfacher als im Westen. Von der Pflege des Spracherbes zeugen auch Veränderungen der Sprache, Anpassungen und Vervollkommnungen; die Sprache blieb lebendig.

Wegen dieser sprachlichen Kontinuität läßt sich die Trennungslinie zwischen antiker und mittelalterlicher Bildung nur unter Bezug auf die christliche Komponente ziehen. Bildung (paideia) bedeutete im Griechischen - weniger überhöht als im Deutschen - lediglich Erziehung (in diesem Sinn auch von Aristophanes benutzt). Die frühen Christen des ersten Jahrhunderts übernahmen den Begriff, grenzten sich aber inhaltlich von ihm ab, sie forderten z.B. in den Clemens-Briefen (um 100) eine andere, eine Erziehung im Sinne des Neuen Testamentes. Allerdings wurde die konsequente Abgrenzung gegen eine antik geprägte Umwelt mit der zunehmenden Integration der Christen immer schwerer. Schließlich erleichterte die politische Akzeptanz als Staatsreligion den Christen im 4. Jahrhundert die Preisgabe der kaum noch zu haltenden Barriere. Das günstige politische Klima wurde nur kurz durch Kaiser Julian Apostata (dem Abtrünnigen, 361-363) unterbrochen, der Christen die heidnische Bildung verbot und von ihnen verlangte, eigene Formen zu entwickeln. Sein Engagement für das Heidentum konnte aber den Ausgleich zwischen heidnischer und christlicher Bildung nicht aufhalten. Kirchenväter wie Basileos der Große („An die Jugend“) und Gregor von Nyssa forderten, die Christen sollten das antike Repertoire (auch die Philosophen) nutzen und überwanden so den bestehenden ideologischen Gegensatz, auch wenn der in sehr volkstümlichem Griechisch gehaltene Urtext des Neuen Testaments die Übernahme komplexer sprachlicher Formen etwas erschwerte. Seit der zweiten Hälfte des 4. Jahrhunderts - noch vor der staatlichen Formierung von Byzanz als Nachfolgerin Ostroms im 6. Jahrhundert - entstand eine griechisch-byzantinischen Bildung christlicher Prägung mit antiken Wurzeln.