6 Italien nach 800 n.Chr.

Seit der Kaiserkrönung Karls des Großen 800 gab es in Italien mehrere Machtfaktoren:

  1. Der „deutsche“ Kaiser herrschte über das ehemalige langobardische Königreich in Nord- und Mittelitalien. Zwischen 850 und 950 hatte er kaum Gewicht, das Doppelkaisertum war kein Thema mehr. Anfang des 10. Jahrhunderts regierten auf dem Gebiet des fränkischen Kaisers Nationalkönige aus lokalen Geschlechtern. Das lag zum einen an der Entfernung zwischen dem Machtzentrum des Kaisers jenseits der Alpen, zum anderen an der damaligen Bedrohung Ostfrankens durch die Slawen und Ungarn bzw. Westfrankens durch die Normannen. Diese Situation nutzte Byzanz, um sich durch verwandtschaftliche Bindungen Einfluß zu sichern. Unter Otto I. gab es wieder eine aktive Italienpolitik des Reiches, Byzanz verlor an Einfluß und das Kaiserproblem (das hauptsächlich an der Frage des Einflusses in Italien hing) wurde bis zum Tod Ottos III. 1002 wieder aktuell. Anknüpfungspunkte zwischen dem fränkischen und dem byzantinischen Reich boten eine anti-arabische Allianz.
  2. Der Papst als römischer Stadt- und Grundherr, der den byzantinischen Dux in Rom abgelöst hatte.
  3. Langobardische Fürstentümer in Unteritalien (Benevent bis 1033, Salerno bis 1076). Mit Salerno endete die politische Herrschaft der Langobarden in Italien.
  4. die (formal) byzantinischen Dukate von Venedig und Neapel
    1. Venedig hatte für das Exarchat von Ravenna eine ähnliche Funktion wie Septem Seuta für das Exarchat von Karthago: es sollte den Seezugang sichern. Entstanden ist der Dukat vielleicht wegen der Auseinandersetzungen zwischen Ravenna und den Slawen um 700. Anders als Septem Seuta überdauerte Venedig den Fall „seines“ Exarchats 751 um mehr als 1000 Jahre: erst 1797 endete das Fürstentum des Dogen (= Dux) durch den Einmarsch Napoleons. Ein weiterer Unterschied zur byzantinischen Politik in Nordafrika war die Besetzung des Statthalterpostens mit einem Einheimischen. 812 wurde der Dukat als Gegenleistung für die Anerkennung von Karls Kaiserwürde als byzantinischer Besitz gesichert. Der Status Venedigs war bis 1204 (Eroberung Konstantinopels von Venedig aus) zweideutig: obwohl nominell untertänig, vertrat es eine sehr selbständige Politik. Kulturell war es westlich ausgerichtet (Staatssprache Latein), der Markuskult mit der Palastkirche dagegen erinnerte an die Verhältnisse von Konstantinopel.
    2. Der Dukat von Neapel war dem byzantinischen Gouverneur von Sizilien unterstellt. Er umfasste die Städte Gaeta und Amalfi sowie einiges Inseln (Capri u.a.). Auch hier gab es einheimische Duces. Weil die Zugehörigkeit zu Byzanz zwar einige Pflichten, aber kaum politische Vorteile oder militärische Unterstützung brachte, löste sich Neapel im 9. Jahrhundert langsam vom Reich. Wegen der Seeangriffe der Aglabiten baute der Dukat unter Sergius I. ebenfalls zu dieser Zeit eine eigene Flotte auf. 1139 wurde Neapel durch den sizilisch-normannischen König Roger I. erobert. Die Phase der Selbständigkeit war zu kurz, um Macht zu entwickeln. Gaeta und Amalfi gingen verloren. Amalfi war im 10. Jahrhundert die am engsten mit Byzanz verbundene Stadt in Italien: sie hatte ein eigenes Handelsquartier in Kontantinopel und ein lateinisches Kloster auf dem Berg Athos. Auf Drängen Venedigs mußte sie sich allerdings zurückziehen.
  5. Byzanz, das von Sizilien aus langsam die Gebiete der langobardischen Fürstentümer (vor allem Benevent) eroberte. Leon VI. gründete 891/2 das Thema Langobardia mit dem Hauptort Bari in Unteritalien oberhalb der Themen Lukania und Kalabria. Diese militärische Verwaltungseinheit fiel 1071 an die Normannen. Als Quellen für die Organisation der Themen gibt es ein Buch des byzantinischen Kaisers Konstantin VII. Porphyrogenetos (Mitte 10. Jahrhundert), das allerdings wenig Daten enthält, und die Bleisiegel der byzantinischen Gouverneure mit Namen und manchmal auch Datum. Die Blütezeit des byzantinischen Besitzes in Unteritalien lag zwischen 850 und 1050.
  6. Die arabischen Aglabiten (später die Fatimiden) benutzten ihre Hauptstadt Keiruan in Nordafrika als Ausgangspunkt für ihre Eroberungen in Unteritalien. Sie waren damit in derselben Situation wie Justinian, der Karthago als Stützpunkt gewählt hatte. Den Arabern gelang allerdings nur die dauerhafte Besetzung Siziliens. Palermo wurde 831 als erste größere Stadt erobert und zur Hauptstadt der Region ausgebaut (die Normannen übernahmen später diese Festlegung). Syrakus, das eigentliche Zentrum, war besser befestigt und auch schlechter zu erreichen. 878 fiel auch Syrakus, 902 Taormina. Bis 1100 war ganz Sizilien in der Hand der Araber.

Bis zur 2. Hälfte des 7. Jahrhunderts existierte keine byzantinische Flotte gegen die ständigen Angriffe der Araber in der Adria, danach wurde sie hauptsächlich zur Sicherung der Ägäis verwandt. Während größere Seestädte wie Venedig (das vom freien Zugang zur Adria wirtschaftlich abhängig war), Genua (Sicherung der Balearen und Korsika) und Pisa zur Selbsthilfe griffen und eigene Flotten aufbauten, zogen sich die anderen Küstenstädte ins Landesinnere zurück.

Bari in Apulien wurde 840 durch einen arabischen Piraten besetzt und 871 durch den fränkischen Kaiser Ludwig rückerobert. 875 ging es an Byzanz, das es ab 891 als Mittelpunkt des neugegründeten Themas Langobardia benutzte (s.o.).