Wie erwähnt, gründeten sich die Reformbewegungen des 18. Jahrhunderts auf die Kultur der Empfindsamkeit. Hinzu kam eine veränderte Einstellung zu körperlichen Schmerzen. Während Schmerz im 17. Jahrhundert als natürlich galt – jeder Mensch hatte Schmerzen, brutale Körperstrafen waren üblich – versuchte man nun, ihn nach Möglichkeit zu vermeiden. Die früher verbreitete Brutalität und Gleichgültigkeit wurde abgelöst von einer wohlwollenden Einstellung gegenüber Kindern, Strafgefangenen und Prostituierten, aber auch gegenüber Tieren. Auch die Privatinitiativen in der Armenfürsorge gingen auf diesen Wandel zurück. Thomas Day (1748–1789), ein radikaler Bewunderer Rousseaus, setzte nach seiner Heirat mit einer reichen Frau sogar deren gesamtes Vermögen zur Unterstützung seiner Pächter ein und lebte selbst asketisch auf dem Land. Zunehmend wurden die Mittelschichten Träger der Philanthropie. Da sie nicht wie einzelne Lords in großem Stil wohltätig sein konnten, wurden Gesellschaften zur Finanzierung von Kranken- und Waisenhäusern gegründet. Der neue Typ des Sozialreformers war nicht sehr reich, aber äußerst engagiert. Überregionale Bedeutung erlangte die 1756 gegründete Marine Society, die die mittellosen Schiffsjungen der Navy mit warmer Kleidung versorgte und innerhalb von drei Jahren 25.000 £ sammelte. Neben diesen Gesellschaften gab es in vielen Bereichen einzelne engagierte Männer, die im Alleingang Reformen durchsetzten.
Eine Gefängnisreform wurde vor allem von John Howard (1726–1791) betrieben. Howard war nach seinem Antritt als Bezirkssheriff von den Zuständen in den Gefängnissen entsetzt und begann, Strafanstalten in ganz Europa zu inspizieren. Die veröffentlichten Ergebnisse machten die Arbeit einer später eingesetzten Parlamentskommission im Prinzip überflüssig. Das Grundproblem der Gefängnisse war ihre Zielsetzung: Sie dienten nicht als Instrument der Bestrafung, sondern nur als „Wartehalle“ bis zu den Gerichtsverhandlungen, die üblicherweise viermal pro Jahr stattfanden. Die eigentlichen Strafen waren Auspeitschen, Zwangsarbeit in den Kolonien und die Todesstrafe. Da die Gefängnisse mit staatlicher Lizenz von privaten Trägern betrieben wurden, mußten sie sich selbst finanzieren. Dementsprechend bekamen mittellose Gefangene außer einem verschlossenen Raum und etwas Brot nichts. Für Decken, ein Bett, trockene Räume, besseres Essen usw. mußte man bezahlen. Das Ergebnis war, daß reiche Leute im Gefängnis wie in einem Hotel residierten, während die Armen mit vielen anderen in kalten und feuchten Kellerräumen zusammengepfercht waren. Die Folge waren Krankheiten, die man mangels Diagnosemöglichkeiten als jail fever bezeichnete. Manche Verhandlungen mußten abgesagt werden. Hinzu kam, daß auch bei einem Freispruch hohe Verwaltungsgebühren anfielen. Zwar konnte Howard die öffentliche Meinung gegen diese Mißstände mobilisieren, aber es wurden lediglich zwei Gesetze zur Verbesserung der sanitären Bedingungen und zur Reduktion der Verwaltungsgebühren beschlossen. Die Gefängnisse blieben in privater Hand, damit änderte sich auch nichts an ihrer Profitorientierung. Weitere Reformen zur Abschaffung der Todesstrafe auf bestimmte Delikte scheiterten.
Die Sozialfürsorge reformierte vor allem Jonas Hanway (1712–1786). Die noch aus dem 16. Jahrhundert stammende gemeindebezogene Fürsorge erwies sich mittlerweile als ineffektiv, weil nicht alle Gemeinden die notwendigen Mittel allein aufbringen konnten. So wurden z.B. zu wenige Waisenhäuser gebaut. Stattdessen bezahlte man Ammen mit einer festen Summe für jedes aufgenommene Kind, ohne die Verwendung des Geldes zu kontrollieren, so daß überproportional viele Kinder in dieser „Fürsorge“ starben. Hanway legte Statistiken an und fand heraus, daß in reichen Gemeinden die Sterblichkeit bei 17% lag, in armen dagegen bei 58%. Er erstellte eine „schwarze Liste“ von Gemeinden, bezeichnete die charity houses als slaughter houses und nannte vor allem namentlich die Ammen, bei denen ein Großteil der Schutzbefohlenen starb. Ein Gesetz gebot daraufhin die Registrierung der Kinder und die staatliche Kontrolle der Ammen. Für weitere Verbesserungen sorgte Thomas Gilbert, der 1782 ein Gesetz im Parlament einbrachte, das den Gemeinden gemeinsame Waisenhäuser empfahl. Das Gesetz zeigte wenig Wirkung, auch weil die konservativen Vorstellungen der Mildtätigen noch sehr stark war: Die Armen mußten ihren Anforderungen entsprechen (deserving poors), sonst bekamen sie nichts.
Kinder, die ein Waisenhaus oder eine Amme überlebt hatten, kamen im Alter von acht Jahren auf Gemeindekosten für sieben Jahre als Lehrlinge (apprentices) unter. Der Meister, bei dem sie lebten, vertrat die Elternstelle und war verantwortlich für ihre Ernährung und Erziehung. Sie waren ihm völlig ausgeliefert und wurden in den meisten Fällen als billige Arbeitskräfte ausgenutzt, ohne tatsächlich den entsprechenden Beruf zu erlernen. Vor allem zahlten die Gemeinden nur für „schlechte“ Berufe, in denen die Lehrzeit billiger war, wie z.B. Schornsteinfeger (chimney sweeps). Hier mußten die Kinder in Kamine klettern, um sie von innen zu säubern. Um überhaupt in die engen Röhren zu passen, durften sie nicht zu groß oder kräftig sein, außerdem mußten sie wenig Kleidung tragen. Wer als Kind sieben Jahre in staubigen Kaminen zugebracht hatte, war gesundheitlich ruiniert. 1773 wurde deshalb ein Gesetz gegen die schlimmsten Auswüchse verabschiedet, 1788 folgte ein weiteres allgemeineres Gesetz zum Schutz von Kondern. Obwohl die öffentliche Meinung eindeutig gegen die brutale Ausbeutung von Kindern war, wurden die Gesetze aus wirtschaftlichen Gründen nicht konsequent durchgesetzt. Andererseits war selbst Hanway nicht gegen die Beschäftigung von Kindern, sondern nur gegen harte körperliche Arbeit.
Das Reformation of Manners Movement hatte sich eine Sittenreform zum Ziel gesetzt. Die schon seit dem 17. Jahrhundert bestehenden Vereine erhielten nun neuen religiösen Schwung. Die Evangelicals, eine gefühlsbetonte Gruppe in der anglikanischen Kirche, und unter ihnen besonders die Londoner Clapham Sect wandten sich gegen Vergnügungen wie Alkohol und Wetten. Ihr Ansatz war konservativ und repressiv, Arme wurden wie Kinder behandelt (The School Mistress of the Poor), in Sonntagsschulen sollten sie Lesen, Schreiben und Gehorsam lernen. Darin unterschieden sich die religiösen Reformer von den übrigen, die vor allem aus Mitleid und humanitärer Gesinnung handelten. Aus beiden Gruppen stammten die Abolitionisten, die für die Abschaffung der Sklaverei kämpften. Seit den 1760er Jahren gab es in England eine Opposition gegen die Sklaverei. Es wurden Gedichte und Flugschriften veröffentlicht, wobei die Quäker und die Methodisten die treibende Kraft waren. Ihr Vormann war Granville Sharp (1735–1813), der sich zunächst für einen einzelnen Sklaven, den er persönlich kannte, eingesetzt hatte. 1772 errang er als Anwalt eines schwarzen Sklaven im Somerset Case einen entscheidenden Sieg: Ein von den Westindischen Inseln mitgebrachter Sklave verklagte seinen Besitzer auf Freilassung, da auf englischem Boden alle Menschen frei seien. Er bekam recht. Schwarze Sklaven lebten zu dieser Zeit in England meist als Bedienstete von zurückgekehrten Beamten oder modebeflissenen Mittelschichtlern. Die öffentliche Meinung und die Gerichte waren ganz auf der Seite der Abolitionisten, allerdings konnte die Lobby der Sklavenhändler Eingaben an das Parlament seit 1787 immer wieder in einer der beiden Kammern zu Fall bringen, obwohl diese sich aus pragmatischen Gründen nur gegen den Sklavenhandel und nicht gegen den Besitz richteten. Obwohl man den Sklaven religiöse Unterstützung gewährte, wurden sie mit einer Ausnahme nie zum Aufstand aufgerufen. Die amerikanische Revolution brachte einen Rückschlag, da die amerikanischen Siedler eindeutig für die Sklaverei waren, ihre potentiellen Sympathisanten aber meist auch Abolitionisten. Außerdem schürte ein Sklavenaufstand 1791 die Ängste vor einer großen Rache der Sklaven nach ihrer Freilassung. 1792 beschloß das Parlament trotzdem nach einer Nachtsitzung eine graduelle Freilassung, die aber erst am 1. Januar 1796 in Kraft treten sollte. Der in der Zwischenzeit ausgebrochene Krieg mit Frankreich verhinderte dann die endgültige Ratifizierung. Am 25. März 1807 schließlich wurde der Sklavenhandel für illegal erklärt und die Navy gegen Sklavenhändler eingesetzt.
Insgesamt gab es viele private Initiativen aus humanitären Motiven, die sich aber nur teilweise durchsetzen konnten. Wichtig war vor allem die Mobilisierung der öffentlichen Meinung, die mit zum Teil erheblicher Verzögerung einer Veränderung bewirkte.
Die rechtliche Stellung der Frauen war im 18. Jahrhundert noch sehr schlecht: Während alleinstehende Frauen eigene, wenn auch wirtschaftlich abhängige Rechtspersonen waren, verloren sie ihre Eigenständigkeit bei ihrer Heirat. Ein Ehepaar galt als eine Rechtsperson, der Mann war für alles verantwortlich und hatte die alleinige Verfügungsgewalt über das gemeinsame Eigentum. Veränderungen gab es vor allem in der Frage der wirtschaftlichen Bedeutung von Frauen der Mittelschicht. Bisher hatten (mit Ausnahme des Adels) alle Frauen zum Familieneinkommen bzw. zur Existenz der Familie beigetragen. Ihre Tätigkeiten reichten von der Mitarbeit auf dem Hof über „klassische“ Haustätigkeiten wie Kochen und Waschen bis zum Spinnen, Weben und Nähen (Textilien waren noch sehr teuer). Diese Teilnahme am wirtschaftlichen Leben nahm infolge der industriellen Revolution langsam ab. Es kam zu einer Profesionalisierung auch vieler „weiblicher“ Tätigkeiten und zur Trennung von Wohn- und Arbeitsstelle. Viele qualifiziertere Berufe wurden von Männern übernommen, da die Frauen zur Ausbildung nicht zugelassen waren. Auch führten Witwen nun seltener das Gewerbe ihres Ehemanns fort, da ihnen die Kenntnisse fehlten. Ihre zunehmende Beschränkung auf das Haus bedeutete einen erheblichen Statusverlust. Anders als ihre Geschlechtsgenossinnen in der Unterschicht waren sie nun materiell unproduktiv und wurden hauptsächlich als Konsumentinnen gebraucht. Allerdings läßt sich die traditionelle Darstellung der Mittelschichtlerinnen als faule Drohnen, die ihre Tage mit Theater und Lesen verbrachten, nicht halten. Neben dem veränderten (und bis heute geltenden) Frauenbild, das ihnen in höherem Maße die positiven Attribute warmherzig, mitleidig und empfindsam zuschrieb (in der frühen Neuzeit galten Frauen als grausam, dumm und gefährlich), erhielten sie vielfältige neue Funktionen. Zum einen galt eine nicht arbeitende Frau als Statussymbol, das die Zugehörigkeit zur Mittelschicht unterstrich, zum anderen war sie auch das Herzstück des behaglichen Heims, der großen Errungenschaft der Mittelschichten. Auch der Mutterschaft wurde neuerdings besondere Bedeutung zugemessen: Die Theorie des Philosophen John Locke, nach der ein Mensch als tabula rasa zur Welt kommt und sich allein durch äußere Einflüsse entwickelt, war äußerst populär und betonte die Verantwortung der Mutter, aber auch die Notwendigkeit, Frauen als erste Lehrer der Kinder besser auszubilden. Außerdem wurde die Mutterschaft emotional erhöht, selbst zu stillen war seit etwa 1750 auch in Familien, die sich eine Amme leisten konnten, üblich. Das Idealbild einer liebenswerten, nachgiebigen und gebildeten Mutter bestimmte das Denken der Mittelschichten. Obwohl die Kindersterblichkeit bei bis zu 30% lag und immerhin 7% der gebärenden Frauen starben, blieb die Mutterschaft das Ziel jeder Ehe.
Zur Ehe gab es für Frauen der Mittelschicht auch kaum eine Alternative; die wenigen halbwegs akzeptierten Berufe waren Gouvernante, Autorin, Schulleiterin und Gesellschafterin. Dabei gehörte zum Selbstbild einer bessergestellten Frau auch eine aktiv bewahrte Unwissenheit in allen wissenschaftlichen Dingen. Die Ehe war ein erstrebtes, aber auch riskantes Ziel: Einmal verheiratet, konnten Frauen ihren Ehemann nur um den Preis des sozialen Todes verlassen. Im Adel zwang der eigene Ruf und die einflußreiche Verwandtschaft der Frau die Ehemänner zu Wohlverhalten, im Notfall wurde eine Ehe per Gesetz im Oberhas aufgelöst. In den Unterschichten konnten die common law marriages realtiv formlos vor Verwandten geschlossen und wieder aufgelöst werden. In der Mittelschicht dagegen gab es nur die Möglichkeit der Annullierung durch die Kirche (sehr selten) und eine Trennung von Tisch und Bett bei nachgewiesenem Ehebruch und extremer Brutalität des Mannes. Selbst wenn hier zugunsten der Frau entschieden wurde, verlor sie ihren Bekanntenkreis und meist auch die Achtung ihrer Verwandten. Dementsprechend wurde die persönliche Zuneigung (bzw. das Vertrauen) zum künftigen Ehemann neben dessen Einkommen zu einem wichtigen Faktor. Insofern forcierten viele Frauen den Heiratsantrag eines ihnen genehmen Mannes und milderten ihre religiöse und rechtliche Pflicht zum Gehorsam, indem sie subtil Einfluß auf den Gatten nahmen. Im Idealfall akzeptierte der Mann den eigenen Willen seiner Frau, im Normalfall übte er eine wohlwollende Dominanz aus. In schlechten Ehen hatte die Frau allerdings keine Chance: Vielfach hielten auch Verwandte der Frauen trotz erwiesener Brutalität zum Ehemann, auch Trennungsverfahren endeten selten mit einem Sieg der Frau.
Die ältere Forschung nimmt eine strikte Trennung der „männlichen“ public sphere und der „weiblichen“ private sphere im 18. Jahrhundert an. Tatsächlich gab es verschiedene Formen der Öffentlichkeit; in einigen von ihnen spielten Frauen eine wichtige Rolle. So war z.B. das Auftreten und Verhalten einer Frau in der sozialen Öffentlichkeit ein wichtiger Indikator für die Kreditwürdigkeit ihres Mannes. Auch konnte sie bei Treffen unter Frauen (social calls) Kontakte knüpfen, die für ihren Mann von Bedeutung waren. Im Bereich der Kunst stellten die Frauen eine wichtige Gruppe von Kritikerinnen und Konsumentinnen. Auch in der Sozialfürsorge dominierten sie zahlenmäßig bei der Verwaltung von Schulen und Suppenküchen, aber auch bei der Inspektion von Gefängnissen (nach dem Tode John Howards). Sie führten die Aufsicht über die Bediensteten, setzten Arbeitsverträge auf und regelten die aufwendige Vorratshaltung. Allein zur politischen und wirtschaftlichen Öffentlichkeit waren sie nicht zugelassen, aber diese Einschränkung rechtfertigt nicht eine rigide Trennung der Sphären.
Politischen Einfluß nehmen konnten dagegen die adeligen Frauen. Sie waren gegenüber den Männern der Mittelschicht weisungsbefugt, hatten vielfältige Kontakte und konnten auch ihre Männer zur Durchsetzung ihrer Ziele einsetzen. Ende des 18. Jahrhunderts entwickelten sie ein noch größeres Interesse für Politik. Die Duchess of Devonshire, die 16jährig mit dem Duke verheiratet worden war, hatte enge Kontakte zu eJames Fox, einem führenden Whig und griff aktiv in dessen Londoner Wahlkampf ein. Ihr Werben um Wähler auch aus den Unterschichten sorgte für eine scharfe Reaktion, so daß sie sich nach Fox’ Sieg auf private Politik beschränkte. Trotzdem begannen andere gebildete Frauen, ihre Salons zu politischen Foren auszubauen. Die radikalen Bluestockings (benannt nach den blauen Wollstrümpfen des Teilnehmers Earls of Sandwich) wurden im 18. Jahrhundert noch als Musen unter der Führung von Elizabeth Montague dargestellt, außergewöhnliche hatten die Chance auf nationale Berühmtheit. Allerdings wurden sie diskreditiert durch eine ihrer Vorkämpferinnen, Mary Wollstonecraft. Deren Forderung nach Parlamentarierinnen, Ärztinnen, weiblichen Kaufleuten usw. traf zunächst auf ein positives Echo. Nachdem aber ihr Mann, der Philosoph William Goodwin, nach ihrem Tod eine Biographie ihres bewegten Lebens veröffentlichte, galt eine Bluestocking als Inbegriff der Unmoral.