6 Beginn der Nationsforschung

Die Nations- und Nationalismusforschung setzte erst im 19. Jahrhundert ein. Der Grund dafür könnte das Auftreten der neuen Form des organisierten Nationalismus sein, der eine Politik mit ausgrenzender Ideologie vertrat (auch innerhalb der eigenen Nation, z.B. gegen Juden). Der Nationsbegriff war plötzlich wieder umstritten, ethnische Kriterien wurden erneut benutzt.

Auf dem Gebiet der Nationsforschung haben sich einige Wissenschaftler besonders profiliert, die verschiedene typologische Ansätze vertreten:

Friedrich Meinecke (Deutschland, geb. 1861) schrieb 1907 in „Weltbürgertum und Nationalstaat“ über die deutsche Nation und die Entstehung des deutschen Nationalstaats. Er vertrat die Ansicht, man müsse Geschichte analysieren, statt sie zu erzählen. Seine Typologie der Nationen gliedert sich in

Goethe vertrat den Begriff einer Kulturnation, basierend auf universeller Kultur und Literatur, Bismarck stand dagegen für die Staatsnation auf der grundlage des Militärs und der preußischen Herrschaft. Für Goethe und andere war der Universalismus etwas Konstitutives, er empfand es als „undeutsch, nur deutsch zu sein“.

Meineckes Typologie war ein erster wichtiger Schritt zur Theoriebildung. Die Kulturnation war für ihn nur eine Übergangsform zur Staatsnation, weil Deutschland und alle anderen Nationen sich schließlich staatlich oltanisiert hatten. Die deutsche Sprachgemeinschaft war allerdings nie in einem Staat oder einer Nation vereinigt, daher paßt die Verbindung von gemeinsamer Kultur (Sprache) und Nation nicht.

Ernest Renan (Frankreich, Orientaloge) hielt 1882 eine Vorlesung mit dem Titel „Qu’est-ce que le nation“ über die Entstehung des Nationalismus. Die Verwechslung von biologistischen Kriterien (Rasse) und Nation habe zur Entwicklung von Rassismus und Antisemitismus geführt, weil die vorhandenen Definitioen von Nation nicht adäquat seien. Er schlug vor, die Nation als eine große Solidargemeinschaft zu betrachten, die aus der Übereinkunft zum gemeinsamen Leben bestehe. Über ihren Fortbestand werde ein „tägliches Pleviszit“ abgehalten, Nationen seien nicht ewig und der Kulturgemeinschaft (z.B. Europa) untergeordnet.

Carlton Hayes (Amerika) befand sich an der Columbia University, NY, in einer Außenseiterposition: als Katholik und von sozialgeschichtlichen Ansätzen geprägter Wissenschaftler war ihm aber gerade dadurch ein distanzierter Blick auf das von Nationalismus geprägte Europa möglich. Sein Lehrer Robinson hatte bereits Ideen- und Sozialgeschichte zur intellectual history kombiniert. 1926 wandte er seine Theorien in „Nationalism“ auf Europa an und bezeichnete den Nationalismus als neues Massenverhalten, geprägt von Intoleranz und Militarismus. 1931 entwarf er in „Hisorical Evolution of Modern Nationalism“ eine Typologie, in der er zwischen ursprünglichen (auf Menschenrechte und Demokratie ausgerichteten) und integralem (reaktionären, militaristischen und aggressiven) Nationalismus unterschied. Seine fünf Unterformen waren humanistischer, jakobinischer, traditionaler, liberaler und integraler Nationalismus. Der Bolschewismus war für Hayes schon eine Form des Nationalismus.

Hans Kohn (Tschechoslowakei / USA) emigrierte in den 30er Jahren in die USA und lernte bei Hayes. Sein umfangreiches Werk beschäftigt sich mit den meisten europäischen Nationen sehr eingehend. Sein wichtigstes Buch „The Idea of Nationalism“erschien 1945. Er war ideengeschichtlich orientiert und betrieb eine rückwärts-gewandte Nationsgeschichte. Das Phänomen des Nationalismus unterteilt er in eine westliche (Frankreich) und eine östliche (Deutschland) Variante. Diese Festlegung einzelner Nationen auf eine bestimmte Verhaltensweise ist ein Rückschritt gegenüber Hayes’ offener Typologie.

Theodor Schieder (Deutschland) beschrieb 1966 in „Typologien und Erscheinungen des Nationalstaats in Europa“ die Entstehung der europäischen Nationalstaaten in drei Versionen:

Miroslac Hroch (Tschechoslowakei) behandelt den Aspekt der nationalen Bewegung und setzt ein chronologisches Modell in vier Phasen an, die sich in Bezug zu den fundamentalen Entwicklungsdaten der modernen Gesellschaft setzen lassen:

Die Grenzen der Typologie liegen in der fehlenden genauen Analyse der Struktur und Entwicklung einzelner Staaten. Eine Unterscheidung zwischen politischer und kultureller Nation, wie sie von einigen Historikern gamcht wird, ist unzulässig, weil Nation ein politischer Begriff ist. Mehrere Kriterien sind außerdem ideologisch geprägt: westlich - östlich, rational - irrational usw. Die Ethnisierung von Nationen und ihre dauerhafte Festlegung auf einen Typus (wie bei Kohn) ist besonders problematisch.

Frühformen des Nationalismus können bereits in der frühen Neuzeit belegt werden. Dieser Nationalismus ist geprägt durch kriegerische Auseinandersetzungen und damit verbundene Propaganda gegen die feindliche Nation und politische Ideologie, die zur Solidarisierung führen sollte.

Der Nationalismus im engeren Sinn - als Gefühl der Überlegenheit über andere Nationen - beginnt erst Ende des 19. Jahrhunderts mit dem Imperialismus. Durch die Aufsprengung der männlichen Honoratiorengesellschaft durch die Frauen- und Arbeiterbewegung entwickelte sich eine industrielle Massengesellschaft, in der soziale Unterschiede weniger identitätsstiftend waren als nationale Abgrenzung. Der Imperialismus beendete die Beschränkung der Politik auf Europa und führte zur Entwicklung des Rassismus gegenüber den Bewohnern der Kolonien. Zu diesem Zeitpunkt waren Europa und Amerika bereits nationalstaalich organisiert. Mit dem Bruch des internationalen Systems 1856 auf der Krim-Konferenz begannen der sozialdarwinistische Kampf der Nationen und der organisierte Nationalimus.

Die wissenschaftliche Beschäftigung mit dem Nationalismus in Europa begann erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Amerika (s.o. Carlton Hayes und Hans Kohn). „Nationalismus“ bezeichnete für Hayes und in seiner Nachfolge im wissenschaftlichen Sprachgebrauch in Amerika auch das Nationalgefühl (z.B. wurde auch bei Herder Nationalismus gesehen). Karl Deutsch, ein Prager Emigrant, veröffentlichte 1956 „Nationalism and Social Communication“ und vertrat darin einen unpolitischen, soziologischen Nationalismusbegriff. Eugen Lemberg übernahm diesen umfassenden Begriff in seinem Buch „Nationalismus“, während sein Freund Theodor Schieder noch vor diesem Begriff warnte und ihn zu wholistisch nannte.

Als politische Selbstbezeichnung wurde „Nationalismus“ zunächst in Frankreich und Italien, später auch in Deutschland (durch Mitscherlich, 1915) übernommen. Erst in den 20er Jahren galt er als politischer Bekenntnisbegriff: Ernst Jünger verstand ihn positiv als neue politische Bewegung. Seit 1945 wird er nur noch zur Abgrenzung verwandt. Daraus ergibt sich eine Kluft zwischen wissenschaftlicher und politischer Verwendung des Begriffes.