5 Nationskonzepte im 19. Jahrhundert

Die Geschichtsschreibung wurde im 19. Jahrhundert allmählich zur modernen Wissenschaft, blieb aber bis heute zum großen Teil nationsgebunden. Neben der nationalpatriotischen Funktion der Intelligenz (und der Geschichtsschreiber) entwickelte sich seit 1850 parallel zum Imperialismus der organisierte Nationalismus, der das Projekt der politischen Moderne ablehnte und ein alternatives Modell konkurrierender Nationen vertrat. Damit gab es innerhalb der Intelligenz drei Gruppen: die traditionell nationalpatriotisch-demokratische, die nationalistische und die kleine sozialistische Gruppe. Nach der Katastrophe des 2. Weltkriegs war der Nationalismus diskreditiert und der Sozialismus wurde als große Alternative begriffen. Seit den 70er Jahren allerdings verlor auch diese Richtung an Einfluß, mit der Bildungsexpansion und den neuen Einflußmöglichkeiten durch das Fernsehen veränderte sich der Charakter der Intelligenz.

Im 19. Jahrhundert gab es zwei große Alternativen zum Nationskonzept als Grundkategorie:

Beide propagierten die Überschreitung der nationalen Grenzen. Während sich jedoch die bürgerlichen Intellektuellen nach der gescheiterten Revolution von 1848 in die nationale Isolierung und Konkurrenz begaben, gelang es der Arbeiterbewegung (nach einem gescheiterten ersten Versuch von Marx 1864) 1889 einer Internationale Arbeiter Association (IAA) zu gründen und übernational zu kooperieren. Die Arbeiterrevolution war laut Lenin nur international möglich.

Neben den beiden politischen Alternativen der bürgerlichen und der Arbeiterbewegung gab es den Pazifismus, der 1850 auf einem Europäischen Friedenskongress initiiert wurde.

Eine Theorie des Internationalismus setzt einen einheitlichen übernationalen Entwicklungsstand voraus, der im 19. Jahrhundert in Amerika und Europa durchaus gegeben war. Die gemeinsame Kultur fungierte als übergreifendes Band. Die Gegner des nationalstaatlichen Konzepts kritisierten vor allem die innenpolitische Intention einer gemeinsamen Nation, die politisch noch nicht exisitierte und die feindliche Abgrenzung zu den Nachbarstaaten, die der internationalen Kooperation entgegenstand. Trotzdem negierten sie das Nationskonzept nicht, sondern setzten es in relativierter Form (d.h. nicht als obersten Wert) voraus.

Der englische Historiker Eric Hobsbaum, ein Marxist, bezeichnete es als die große Leistung der kommunistischen Regime, den Nationalismus und den Völkerhaß in ihrem Machtbereich verhindert zu haben. Nationen sind für ihn nur ethnische Gebilde, ein sehr problematischer Standpunkt.

Andere Marxisten bemühten sich, den Nationsgedanken in die sozialistische Theorie einzubauen. August Bebel galt der Volksstaat als das Zeil der Revolution, auch Eduard Bernstein kritisierte die Ablehnung der Nation im Arbeiterkampf. Vor allem die österreichischen Sozialisten und Sozialdemokraten empfanden die Nation als wichtigen Faktor. Otto Bauer schrieb 1907, die Nation sei neben den Klassen ein historisches Faktum, eine „Schicksalsgemeinschaft“. Nur die Arbeiterbewegung könne die Nation verwirklichen, weil die Bourgeoisie Arbeiter und Frauen ausklammere.