3 Die Langobarden

Die Langobarden waren Nachzügler der Völkerwanderung. Sie zogen in drei bis vier Phasen vom Ostseeraum (s. Karte bei Menghin) über die Lüneburger Heide (bis zum 4. Jahrhundert) und das Gebiet nördlich der Donau (Böhmen, 489 - 548) nach Pannonien (Ungarn, 526 - 568), wo sie in Verbindung mit den Byzantinern unter Justinian I. traten. Ihr eigener Geschichtsschreiber war Paulus Diaculus aus dem oberitalienischem Raum, der nach dem Ende des langobardischen Königreiches zum Kreis um Karl den Große gehörte. Seine Historia Langobardia (um 790 verfaßt) ist eine sehr subjektive Quelle, sonst gibt es sehr wenig Informationen über die Langobarden (die Papstviten des Theophanes aus Byzanz beziehen sich vor allem auf Rom und Italien, 9. Jahrhundert). Eine weitere wichtige Quelle sind die langobardischen Urkunden: als Stifter waren die langobardischen Fürsten sehr großzügig, und die Klöster verurkundeten jede Schenkung. Eine zufriedenstellende moderne Geschichte der Langobarden fehlt (am ehesten J. Jarnut).

Die Langobarden kamen zu ihrem Namen, weil Gott Wodan sie und ihre Frauen mit aufgelöstem Haar vor einer Schlacht sah und sagte „Wer sind diese Langbärte?“

Unter dem Nachfolger Justinians, Justin II. (565-578), bekamen die Langobarden Bedeutung für den Mittelmeerraum. Die Awaren drangen vom Nordosten nach Pannonien und forderten von den Langobarden und ihren Nachbarn, den Gepiden, Siedlungsgebiete. Die Langobarden handelten mit den Awaren 567 einen Vertrag aus: sie verpflichteten sich zur militärischen Unterstützung gegen die Gepiden, im Gegenzug bekamen sie Rückendeckung durch die Awaren bei einem geplanten Italienzug, außerdem die Garantie, bei einem Fehlschlag in ihre Gebiete zurückkehren zu können.

Justin II. verhielt sich in dieser Situation aus Arroganz oder Bequemlichkeit sehr ungeschickt: er forderte als Gegenleistung für seine Neutralität lediglich die strategisch wichtigen Städte Sirmium und Singidunum, die auf gepidischem Gebiet lagen. Er hatte weiterhin keinerlei Einfluß in Pannonien und verlor Gebiete in Italien (die beiden Städte gingen 15 Jahre später ebenfalls verloren). Mehrere Quellen belegen, daß er von dem geheimen Vertrag wußte. Entweder hielt er den Italienzug für unwahrscheinlich, oder er vertraute zu sehr auf die byzantinische Macht.

In einer Schlacht wurden die Gepiden 567 ausgelöscht und die Langobarden zogen nach Oberitalien (Provinz Friaul). Sie stießen nicht auf Widerstand, weil die byzantinische Geheimdiplomatie versagt hatte: man war überrascht. Von Friaul aus begannen sie, ihre Herrschaft über Italien aufzubauen und erreichten schon 571 - unterstützt durch das römische Straßennetz - Benevent. Die langobardische Herrschaft läßt sich in zwei Phasen unterteilen:

Durch die Langobarden wurde Italien von Byzanz gelöst. Sie wirkten nicht als einigender Faktor (wie z.B. die Westgoten in Spanien), sondern als spaltendes Element: durch die Organisation ihrer Herrschaft (König und starke Herzöge), wurde Italien bis 1870 (Garibaldi) zersplittert. Weitere Gründe waren die noch lebendigen Kerne byzantinischer Herrschaft, die zerstreuten Besitztümer der Langobarden (die durch die Entfernung von der Zentralmacht in Pavia eine innere Opposition aufbauten) und das Byzanz untergeordnete Papsttum. Die drei Mächte, Langobarden, Byzanz und der Papst gingen wechselnde Gruppierungen und Koalitionen ein, die zur Auflösung bestehender Verbindungen führten. Erst durch das fränkische Kaisertum und das Ausscheiden von Byzanz schien Italien wieder einheitlich zu werden. Diese Hoffnung wurde durch den Normanneneinfall zerstört.

Nach 568 wurde die byzantinische Herrschaft in Italien reorganisiert. 584 begann mit der Gründung des Exarchats von Ravenna durch Kaiser Mauricios der Widerstand gegen die langobardische Herrschaft. Der Exarchos, ein Militärbeamter, vertrat den byzantinischen Kaiser, eine Neuerung gegenüber der Spätantike: seit den diokletianischen Reformen waren Zivilbeamte an der Spitze. In Karthgao war bereits ein Exarchat gegen die Berberstämme eingerichtet worden, das italienische Exarchat zog sich südlich bis zum Fuß des Apennin und verband fünf Städte (Pentapolis). Das Gebiet um Rom wurde zum Dukat (nur militärische Befugnisse) ausgebaut, ein weiteres Dukat existierte in Neapel. Die Verbindung zwischen dem Exarchat und Rom war ein Problem, weil die Langobarden seit 568 ein starkes Herzogtum in der Nähe (Spoleto) hatten. Von Rom bis Neapel konnte man zur Not über den Seeweg gelangen. Durch wechselnde Absprachen mit König und Herzögen gelang es Byzanz, die Verbindungen zu halten. In die Auseinandersetzungen in Italien griff Byzanz nach der Errichtung des Exarchats nicht mehr ein. Die Exarchen selbst verhielten sich ruhig und versuchten nicht, langobardisches Land zu erobern. Ihre Stellung war größtenteils eine Frage der politischen Präsenz, nicht der militärischen Macht.

Wegen der Halbinsellage Italiens hatten die Langobarden die Grenzen nur im Norden zu sichern. Ihre Könige heirateten deshalb adelige Frauen aus dem Geschlecht der katholischen Agilolfinger, einem bajuwarischen Stamm. Die Langobarden waren - wie auch fast alle Goten - dagegen Arianer und seit dem Konzil von Nicäa (325) verurteilte Häretiker, weil sie die Gottähnlichkeit statt der Gottgleichheit Christi vertraten. Im Balkanraum und auch im westgotischen Spanien war die Lehre des Arius weitverbreitet, auch die erste germanische Bibelübersetzung unternahm der arianische Bischof Gulfilla. In Pannonien nahmen die Langobarden durch den engen Kontakt mit den Goten den Arianismus an. Nach dem Bündnis mit den Agilolfingern waren ihre Könige je nach Einfluß der Königin entweder katholisch oder arianisch, während Volk und Herzöge arianisch blieben.Das führte zu einer ungewöhnlich toleranten religiösen Atmosphäre im langobardischen Reich. 661 entschied König Aribert sich schließlich endgültig für den Katholizismus, hauptsächlich aus politischen Gründen: die Verurteilung durch die Kirche und die wachsende Macht der katholischen Merowinger waren gute Argumente. Auch die irische und iro-schottische Mission - das Kloster Bobbio wurde 612 gegründet - wirkte gegen den Arianismus. Die Erlaubnis der Klostergründungen zeigt den relativ permittiven Umgang mit dem Glauben.

Unter König Rothari (636 - 652) wurde im Jahre 643 das langobardische Recht kodifiziert. Es gibt einen Einblick in germanische Recht, auch wenn es eine Verknüpfung von römischen und germanischen Recht war. 680 erkannte Konstantin IV. den Status quo in Italien an, als Gesandte der Langobarden in Konstantinopel erschienen. Sein Vater, Konstanz II., war 668 auf Sizilien ermordet worden, was Konstantin wahrscheinlich zum Einlenken bewegte.

Nach der Eroberung des Exarchats durch Aistulf 751 ohne militärische Reaktion aus Byzanz war das Gleichgewicht der Kräfte erheblich gestört und die Position des Papstes Stephan II. wurde gefährlich. Er verhandelte deshalb mit den Merowingern unter Pippin und bewegte sie 754 zum Eingreifen. Nach Rückeroberung des Exarchats 756 übergab Pippin es dem Papst (Pippinische Schenkung). Karl der Große beendete 774 schließlich das langobardische Königreich und schenkte Teile des Landes dem Papst, Byzanz hatte keinen Anteil. Die langobardischen Herzogtümer blieben bestehen, waren allerdings isolierte Spielbälle der verschiedenen Mächte.

Ein besonderes Problem stellt der griechisch besiedelte Süden Italiens (Apulien, Kalabrien und Sizilien) dar. In der Forschung ist umstritten, ob eine Kontinuität seit der griechischen Kolonisation des 6. Jahrhunderts v. Chr. bestand, oder ob es eine Neubesiedlung im 7. Jahrhundert n. Chr. gab. Wahrscheinlich wurde das griechische Substrat aus der Antike im 7. Jahrhundert durch vor den Awaren und Slawen flüchtende Auswanderer ergänzt. Auch die Mönchsbewegung, die neben den großen, stabilen Klostergemeinden bestand, führte zu einer griechischen Einwanderung, nachdem die Araber im Osten christliche Mönche unterdrückten. Italien und besonders Rom waren Anziehungspunkte, im 9. Jahrhundert gab es etwa 300 griechische und syrische Klöster in Rom. Durch die administrative Vernachlässigung und den ständigen Herrschaftswechsel entwickelte sich der Süden zu einem rückständigen und armen Gebiet.