3.1 Frankreich

Die Modernisierung Frankreichs begann im 13. Jahrhundert mit der Durchsetzung der Bourbonenkönige. Unter Führung des starken Königtums bildete sich eine französische Adelsnation. Bis zum Ende des 17. Jahrhunderts verlor der Hochadel zunehmend an Einfluß, so daß der König schließlich ohne Beteiligung des Adels herrschte. Auch die ständische Vetretung, die Generalstände, wurden seit 1614 nicht mehr einberufen. Das nationale Königtum wirkte durch seine überragende Stellung kulturprägend und identitätsstiftend.

Im 18. Jahrhundert kam es allerdings durch die Aufklärung zu einer Krise des Absolutismus. England wurde von den Kritikern (u.a. Montesqieu) als Vorbild betrachtet. Durch das große nationale Projekt der Encyclopédie (Voltaire, Rousseau, Diderot) verschob sich die kulturelle Hegemonie vom König zum aufgeklärten, intellektuellen Bürgertum. Unter Ludwig XV. kam es zum Konflikt um den Nationsbegriff: der König betrachtete sich selbst als Nation, während der Adel diese Rolle für sich reklamierte.

Im August 1788 wurden wegen finanzieller Engpässe die Generalstände einberufen, nachdem 1786 die Provinzialstände revoltiert hatten. Der dritte Stand forderte die Hälfte der Sitze (statt einem Drittel) und eine Abstimmung nach Köpfen (statt nach Ständen). Diese Forderungen wurden durch die im Januar 1789 veröffentlichte Schrift „Was ist der dritte Stand?“ des Abbé Sieyès unterstützt: „Was ist der dritte Stand? Er ist alles. Was ist er bisher gewesen? Nichts. Was verlangt er? Etwas zu werden ... Was ist eine Nation? Eine Gesellschaft, die unter einem gemeinsamen Gesetz lebt und durch eine gesetzgebende Versammlung vertreten wird.“ Die Nation sei allein der dritte Stand, alles andere sei nicht Teil der Nation. Sieyès forderte die Abgeordneten des dritten Standes auf, nicht mit den anderen Ständen zu paktieren, sondern eine gesetzgebende Nationalversammlung zu bilden.

Nach dem Zusammentritt der Generalstände im Mai 1789 in Versailles erklärten sich die Abgeordneten des dritten Standes in einem revolutionären Schritt am 17. Juni zur Nationalversammlung und leisteten am 20. Juni den „Ballhausschwur“, nicht eher auseinander zu gehen, bis eine Verfassung ausgearbeitet worden sei. Am 9. Juli empfahl der König den Vertretern der übrigen Stände, an der Versammlung teilzunehmen. Damit war die politische Revolution vollzogen. Am 4. August beendete die Nationalversammlung formell die Feudalität, am 26. August wurden die Menschenrechte deklariert. Innerhalb der Versammlung kam es zur Gruppenbildung: die Patrioten oder Jakobiner formierten sich. Die Volksrevolution begann am 14. Juli 1789 mit dem Sturm auf die Bastille und der Umwandlung der munizipialen Garden in Nationalgarden. Durch Aufstände der ländlichen Bevölkerung (Bauernrevolution) gegen das feudale System brach das ancien régime schließlich zusammen.

Das Wahlrecht unterschied zwischen (steuerzahlenden) Aktivbürgern und Passivbürgern, ein Ausdruck des Charakters der neuen Nation, die sich aus dem besitzenden Bürgertum zusammensetzte. Um dennoch eine Gemeinschaft herzustellen, wurden „Föderationsfeste“ unter Einschluß des Königs und der Geistlichkeit gefeiert. Staat und Kirche wurden getrennt, Kirchengut ging vielfach in die Hände des Staates über. Durch die staatliche Erziehung setzte sich die französische Hochsprache durch. Die Nationalgarden wurden zur Volksarmee (neben der weiter bestehenden königlichen Armee). Nach der Errichtung des Nationalstaates kam es 1792 im Zusammenhang mit der Kriegsfrage zur Gleichheitsbewegung: die Passivbürger erhielten das Waffenrecht und beanspruchten, Teil der Nation zu sein. Trotzdem blieben sie bis 1914 vom Wahlrecht ausgeschlossen (Frauen bis 1944).

Nachdem am 10. August 1792 der König ausgeschaltet worden war und im September die Republik ausgerufen wurde, begann in der Nationalversammlung bereits die Debatte um eine Weiterverbeitung der Revolution, d.h. um Kriegserklärungen an die europäischen Fürstenhäuser. Der Krieg als gemeinsames Projekt wirkte als starker Nationsimpuls und veränderte gleichzeitig die Zielrichtung der Revolution: Abgrenzung und Überwindung statt Freiheit und Gleichheit. Im kriegerischen Patriotismus („Sterben fürs Vaterland“) wurde die traditionelle Adelsethik auf die Bürger übertragen. Mit der Mobilisierung gegen „Feinde des Vaterlandes“ ging auch eine Radikalisierung einher, die zur Hinrichtung von politischen Gegnern führte. Durch die Siege der französischen Voksarmeen gegen die fürstlichen Söldnerheere kam es bald zu einem aggressiven Nationalismus („la grande nation“), der eine weitere Expansion und die Umwandlung der eroberten Gebiete in französische Provinzen forderte (unterstützt von Abbé Sieyès). Die neue nationale Ideologie sprach den Nachbarvölkern die Gleichberechtigung ab.

Die neue militärische Führungsschicht (Carnot, Napoleon) organisierte die bewaffnete Nation und motivierte die Bürgersoldaten. Zusammen mit der Artillerie waren sie durch die zeitgenössischen Heere kaum zu besiegen. Napoleon nutzte seine militärischen Siege, um seine politische Stellung zu legitimieren. Die nationale Terminologie (Napoleon als Inkarnation der Nation) diente ihm zur Machtübernahme, obwohl er damit auf den Stand der letzten Könige zurückfiel.

Die neue Nation bildete sich in drei Schritten, Ausgangspunkt war die ständische Nation mit gemeinsamer Kultur:

  1. Revolution des Geistes (Befreiung des Denkens von Autoritäten im Humanismus, der Aufklärung und der Freiheitsphilosophie
  2. Revolution des Staates (Verfassungsänderungen, Einrichtung einer Legislative)
  3. Revolution des Volkes

Trotz ihrer Vorbildfunktion kann die Entstehung der modernen französischen Nation nicht als Regelfall der europäischen Nationsbildung betrachtet werden. Zum einen bestand schon vor der Revolution ein starker Nationalstaat, zum anderen war Frankreich (anders als z.B. die Niederlande oder das Deutsche Reich) sehr zentralistisch aufgebaut. Napoleon bildete sowohl die Verkörperung des neuen Frankreich, als auch die Deprivation der Nationalverfassung.