3. Die griechische Sprache

Wie schon mehrfach erwähnt, blieb die griechische Sprache im byzantinischen Osten auch nach der Antike die Grundlage aller Bildung. Allerdings war das byzantinische Griechisch das Ergebnis einer langen Entwicklung von sprachlicher Vielfalt zu Einheitlichkeit. Zur Zersplitterung der Sprachfamilie hatte ursprünglich die zeitlich versetzte Einwanderung verschiedener griechischer Stämme aus dem Balkan nach Griechenland im Laufe des 1. Jahrtausends v. Chr. beigetragen. Hinzu kam dann die Vertiefung bereits bestehender Unterschiede durch die räumliche Trennung der Stämme innerhalb Griechenlands. Seit dem 6. Jahrhundert v. Chr. wirkten auch politische Differenzen einer sprachlichen Einigung entgegen. Eines der wenigen Beispiele für ein regionsübergreifendes Griechisch aus jener Zeit sind die Homerischen Epen, die allerdings in einer Kunstsprache aus Elementen verschiedener Dialekte geschrieben waren. Literarisch wurde die Vielfalt also relativ früh überwunden. Zur tatsächlichen Vermischung der Dialekte kam es erstmals in den gemeingriechischen Perserkriegen. Nach dem Sieg gegen den übermächtigen Gegner konnte Athen durch seine politische Führungsrolle sich auch sprachlich durchsetzen und den attischen Dialekt zur führenden Sprachvariante ganz Griechenlands machen - ähnlich wie später das Römische zur Sprache Italiens und dann des gesamten Reiches wurde. Allerdings war dieser Einfluß nicht allein auf Athens Macht zurückzuführen, sondern auch auf die Rolle Athens als kulturelles Zentrum, zu dem es sich unter Perikles entwickelt hatte. Die sprachliche Normierung ging (anders als in Italien) in erheblichem Maße von der kulturellen Einigung Griechenlands unter Führung der Bildungsinstitutionen Athens und der in Athen entstandenen Sophistik aus. Das zeigt sich vor allem an der fortbestehenden kulturellen Bedeutung Athens angesichts sinkender politischer Macht im 4. Jahrhundert v. Chr.

Ein weiterer großer Schritt zur sprachlichen Einigung war das Wirken Alexander des Großen Ende des 4. Jahrhundert v. Chr.: Neben der Vermischung griechischer Stämme in seinem gewaltigen Heer trugen seine Feldzüge die griechische Sprache auch zu fremden Völkern. Obwohl durch die Sprachen der Eroberten auch neue Elemente aufgenommen wurden, führte die Notwendigkeit einer allgemeinen Verständigung durch rasch zu einer mehr oder weniger einheitlichen und einfachen Sprache. Die Rolle des Griechischen im 3. und 2. Jahrhundert v. Chr. ähnelte der des Englischen im 19. und 20. Jahrhundert: Es war für alle Bewohner des Alexanderreiches Erst- oder Zweitsprache, sein Einfluß wurde durch das Heer, die Administration und die Händler verstärkt. Im Handel blieb Griechisch die lingua franca, bis es im 7. Jahrhundert n.Chr. vom Arabischen abgelöst wurde. Der bereits ganannte Einfluß fremder Sprachen auf die „neue“ Sprache bestand nicht nur in der Übernahme bestimmte Ausdrücke, sondern auch in der Abschleifung phonetischer Probleme und in der Überlagerung unterschiedlicher Sprachfamilien.

So entstand eine leicht verständliche Variante des Griechischen, die koiné [dialektos], die sowohl in phonetischer als auch in syntaktischer Hinsicht vereinfacht war. Die Charakteristika der Entwicklung zur koiné waren:

  1. der beginnende Zusammenfall von hellen Vokalen und Doppelvokalen im i (Itazismus) bis zum 10. Jahrhundert n.Chr.
  2. der Schwund der Unterschiede von Längen und Kürzen (durch den Einfluß fremder Sprachen)
  3. die Vereinfachung der Verb- und Kasusformen
  4. die Vereinfachung in der Satzbildung

Schon während der Herrschaft Philipps von Makedonien hatte es Ansätze zu einer solchen allgemeinen Sprache gegeben, aber erst unter seinem Sohn Alexander (und in den Diadochenreichen) konnte sie sich wirklich durchsetzen. Durch das Nebeneinander von attischer Schriftsprache und koiné für den Alltagsgebrauch etablierte sich im griechischen Osten eine Art Diglossie von zwei Dialekten eher als von zwei Sprachen. Die klassische attische Sprache wurde mehr und mehr zur Kunstsprache und entfernte sich langsam von der gesprochenen Sprache, bis die Kluft zwischen den beiden Ebenen im 5. und 6. Jahrhundert n.Chr. unüberbrückbar wurde. Die koiné übte aber auch einen gewissen Einfluß auf die Schriftsprache aus. Schon das Bibelgriechisch der Septuaginta, der griechischen Übersetzung des Alten Testaments (260/250 v. Chr.), wies deutliche Spuren der Alltagssprache auf; den Höhepunkt stellte in dieser Hinsicht das Neue Testament dar. Seine große Verbreitung bedeutete auch eine Aufwertung der schriftlichen koiné, der aber von christlichen Theologen (aus noch zu erläuternden Gründen) bald Einhalt geboten wurde, so daß das Neue Testament sowohl Höhepunkt als auch Endpunkt der Entwicklung einer schriftlichen koiné war. Einen wichtigen Faktor für den Ausgleich zwischen geschriebener und gesprochener Sprache stellte künftig die mündliche Predigt in der Kirche dar.

Aber trotz aller Bemühungen war die erreichte Einheitlichkeit um 300 n.Chr. teilweise schon wieder verloren, obwohl im Kernbereich des byzantinischen Reiches bis ins 11. Jahrhundert durchgehend Griechisch gesprochen wurde. Beeinflußt wurde diese riesige sprachliche Einheit zur Zeit Justinians (565 n.Chr.) im Nordosten vom Georgischen, im Osten vom Armenischen, Syrischen, Arabischen und Koptischen, im Westen und Süden vom Lateinischen und Germanischen. Unter Basileos II. (um 1025 n.Chr.) hatte sich das Bild nicht wesentlich geändert, lediglich der lateinische Einfluß war zurückgegangen und im Norden durch Slawisch ersetzt worden. Alle diese fremden Sprachen wirkten aber nur in den Grenzbereichen von Byzanz, mit Ausnahme des Armenischen und des Lateinischen. Die Armenier hatten in Kleinasien einen hohen Bevölkerungsanteil, eine eigene Sprache und Kultur; die hohen armenischen Staatsbeamten waren wohl die einzigen wirklich zweisprachigen Byzantiner. Ansonsten herrschte in Byzanz eine enge Verbindung von territorialer und sprachlicher Einheit. Nur in der Behandlung des Lateinischen wich man aus ideologischen Gründen von der allgemein üblichen koiné ab: Byzanz war aus der Sicht des Staates das oströmische Reich, so daß Latein trotz seiner praktischen Bedeutungslosigkeit seit dem 7. Jahrhundert n.Chr. als feierliche Staatssprache künstlich hochgehalten wurde. Diese Ideologie wurde von den Eroberungen Justinians unterstützt, der vom griechischen Osten aus große Teile des lateinischen Westens zurückeroberte und die neue Einheit des römischen Reiches in der Kodifizierung des römischen Rechts, dem Codex Justinianus, in lateinischer Sprache ausdrücken ließ. Der Kaiser förderte auch den lateinischen Grammatikunterricht in Konstantinopel, wo auch der bedeutendste spätantike Grammatiker Priscian lehrte. Die Lobepen auf Justinian waren ebenfalls in Latein gehalten. Seine Nachfolger behielten diese Richtung bei, so daß bis ins 11. Jahrhundert n.Chr. Münzumschriften in (fehlerhafter) lateinischer Schrift und Sprache geprägt wurden. In dieser Zeit war das Verschwinden der ehemaligen Amtssprache aus dem öffentlichen Leben aber auch beendet. Im Heer, in dem bis zum 6. Jahrhundert noch lateinischsprachige Soldaten vom Balkan gedient hatten, erinnerten lediglich einige Kommandos noch an den Ursprung der Legionen. Das letzte Beispiel eines lateinischen Befehls stammt aus der Schilderung eines arabischen Autors des 10. Jahrhunderts, der von den Pferderennen in Konstantinopel berichtete, die Pferde würden mit Sta! zum Halten gebracht. Aber bereits 100 Jahre nach dem Tod Justinians war sein großes Rechtswerk nicht mehr ohne weiteres verständlich, auch Juristen mußten Rechtslexika und griechische Übersetzungen zu Hilfe nehmen, weil die staatliche Gesetzgebung seit dem frühen 7. Jahrhundert in Griechisch arbeitete. Gleichzeitig sank der ideologische Anspruch, das oströmische Reich darzustellen bis zum 9. Jahrhundert.

In der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts versuchten Franziskaner und Dominikaner in Byzanz einen vom antiken Erbe unabhängigen Lateinunterricht zu geben, das zu diesem Zeitpunkt aber schon die Sprache des kirchlichen Feindes der griechisch-orthodoxen Kirche war. Überhaupt kannten die Byzantiner keinen systematischen Fremdsprachenerwerb, eine Folge auch ihrer Arroganz gegenüber fremden Völkern und ihren Sprachen. Nachteile hatte diese Haltung vor allem für die Diplomatie. Die Dolmetscher, entweder Kriegsgefangene oder Händler, waren zwar für mündliche Verhandlungen gerüstet, mußten aber bei der schriftlichen Fixierung der Ergebnisse in den jeweiligen Schriftsprachen oft passen. Der Spracherwerb in Byzanz beschränkte sich auf das Erlernen der griechischen Orthographie. Die Verbreitung der koiné im Alltag, ihre rasche Veränderung und der Kontrast zur stark abweichenden attischen Schriftsprache erhöhte die Notwendigkeit von Sprachunterricht, weil auch griechische Muttersprachler sich über die „korrekten“ Formen nicht mehr klar waren und Aussprache und Rechtschreibung im 10. Jahrhundert n.Chr. stark differierten. Die Aufgabe war schwer genug, da die Grundschulen nicht mit der Umgangssprache, sondern mit der attischen Grammatik arbeiteten. Der Bedarf an Grammatiken und Lexika begründete schon im Alexanderreich die wissenschaftliche Beschäftigung mit der Sprache, die Philologie. Die Methoden und Klassifizierungen des damaligen Sprachunterrichts, z.B. die Unterscheidung von Kasus und Verbformen, wurden von mittelalterlichen und neuzeitlichen Grammatikern übernommen und nicht nur auf indo-europäische, sondern auf alle Sprachen der Welt angewandt.