Die Entwicklung in Deutschland verlief anders. Hier fehlte eine Affäre, die einen republikanischen Läuterungsprozess auslöste und für die Durchsetzung der demokratischen Ideale sorgte. Das Einzige, was die Berichterstattung über die Dreyfus-Affäre nach Deutschland kam, war der politische Begriff „Intellektueller“. Die Ableitung vom schon länger gebräuchlichen Adjektiv „intellektuell“ war auch davor schon genutzt worden, drang aber kaum ins Bewusstsein der Öffentlichkeit. In der deutschen Presse bildeten sich während der Affäre wie in Frankreich zwei Parteien, die für oder gegen den jüdischen Hauptmann Stellung nahmen. In den Artikeln wurde das Wort „Intellektueller“ allerdings so zögernd und selten gebraucht, dass sich eine zweigleisige Verwendung nicht einmal in Ansätzen zeigte.
Allgemein bekannt wurde es erst durch den Dresdner Parteitag der SPD 1903. Dort wurde über die „Akademikerfrage“ – das Problem der bürgerlichen Intelligenz in einer proletarisch-revolutionären Partei – gestritten. Ein Delegierter monierte, es gebe Akademikerin der Partei, die „uns fortwährend Knüppel zwischen die Beine [...] werfen und den Kommandeur [...] spielen“. Den Höhepunkt dieser Debatte bildete eine Rede des Parteivorsitzenden August Bebel, der grundsätzlich forderte: „sehr Euch jeden Parteigenossen an, aber wenn es ein Akademiker oder ein Intellektueller, dann seht ihn Euch doppelt und dreifach an“. Das Wort „Intellektueller“ fiel in dieser Rede zum ersten Mal in der ganzen Debatte, und in der Berichterstattung über den Parteitag war von „sogenannten Intellektuellen“ die Rede – offenbar als Hilfestellung für die Leser, um auf das ungewöhnliche Wort aufmerksam zu machen. Obwohl Bebel die Begriffe „Akademiker“ und „Intellektueller“ zu unterscheiden scheint, wird aus dem Fortgang der Rede klar, dass er sich damit auf dieselben Personen bezieht, auf wissenschaftlich gebildete Menschen. Neben seinem Misstrauen gegenüber „Intellektuellen“ betonte er auch die soziale Distanz zu den Arbeitermassen. Dies war natürlich kein guter Start für eine positive Entwicklung des Wortes.
Die spezifisch negative Ausformung verdankte es allerdings direkt dem Ersten Weltkrieg. Im Sommer 1914 musste die Redaktion der „Zeitschrift des Allgemeinen Sprachvereins“ erstmals eine Anfrage zu „Intellektueller“ beantworten. Sie schrieb, der Ausdruck werde „für die Vertreter der gelehrten oder wissenschaftlichen Berufe“ gebraucht und stelle keine Beleidigung der anderen Stände dar. 1916 monierte ein offenbar selbst wissenschaftlich gebildeter Leser den Fremdwortgebrauch überheblicher „Intellektueller“, zu denen er sich natürlich nicht zählte. Die Redaktion unterstützte diese pejorative Verwendung des Wortes, indem sie unter das Pamphlet ein Beispiel fremdwortüberladenen Jargons setzte. 1918 schließlich wurde das Wort „die Intellektuaille“ zitiert, das offensichtlich nicht mehr neutral auf „wissenschaftlich Gebildete“ zielte. Das Schimpfwort zieht stattdessen eine Grenze zwischen dem vaterländischen Geist und seinen „intellektuellen“ Widersachern.
Allerdings hatte es in den ersten beiden Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts auch zwei positive Deutungsversuche gegeben. Im Frühjahr 1910 verfasste der österreichische Hauptmann Viktor Hueber eine erfolgreiche Schrift mit dem Titel „Die Organisation der Intelligenz“, die das Gefühl äußerster Bedrohung durch den Imperialismus artikulierte und einen Zusammenschluss der „Intelligenz“ zur Ordnung des Chaos forderte. Voraussetzung für die Zugehörigkeit zur Intelligenz sei nicht etwa akademische Bildung, sondern ein allgemeiner Horizont, also das verstandes- und gefühlsmäßige Erfassen des Gesamtzusammenhangs. Daneben verwendet Hueber „Intelligenz“ auch im alten Sinn, als Synonym für die „Gebildeten“. Während Hueber „Intellektuelle“ nur einmal verwendet, taucht das Wort als Synonym für „Intelligenz“ im neuen Sinn in einer Rezension des „Prager Tageblattes“ auf.
Bei den Expressionisten, die während des Ersten Weltkrieges ein ähnliches Ziel wie Hueber verfolgten, standen allerdings weder „Intelligenz“ noch „Intellektueller“ im Vordergrund. Unter dem Stichwort „Aktivismus“ wollten sie von der bloßen Dichtung zur Tat kommen. Die von Kurt Hiller herausgegebenen „Ziel-Jahrbücher“ nannten das Programm: „Aufrufe zu tätigem Geist“, wobei „Geist [...] der Inbegriff aller Bemühungen um Besserung des Loses der Menschheit (des physischen und des metaphysischen“ ist. Diese Definition und der irrationale Zug der expressionistischen Epoche verboten eine Ableitung der Selbstbezeichnung vom Intellekt. Man nannte sich deshalb die „Geistigen“. Der neue Geist sollte den alten Intellektualismus ablösen, denn: „Deutsche Intellektualität, sehr innerlich, strebt zu Begriffsgefilden fernab von der Welt“. Die Geistigen fühlten sich dagegen nach Kurt Hiller verantwortlich und waren von der Idee, die Welt zu verbessern, besessen. Negativen Realitäten sollte die geistgesteuerte Tat entgegengesetzt werden. Als verachtenswerter Widerpart des Geistigen galt der „Intellektuelle“. Ihm fehle, wie Hans Blüher 1916 schrieb, das wesenseigene Merkmal des Geistigen, der Wille zum Eingreifen. Er bleibt immer der „bloß formulierend Danebenstehende“. Ihm fehle die Bindung an Normen wie auch die Bindung zur Tat. Zu den Intellektuellen rechnete Kurt Hiller die primär geistigen Berufe, die Kopfarbeiter, von denen nur ein kleinerer Teil zu „Geistigen“ berufen sei. Wie Hueber setzte er einem weiteren Begriff einen neuen, engeren entgegen („Intelligenz“ gegen „Intelligenz“, „Intellektuelle“ gegen „Geistige“). Die Durchsetzung des positiven Fahnenwortes „Geistige“ scheiterte vor allem an der esoterischen Verstiegenheit der führenden Aktivisten.
Die Umsetzung der Politisierung durch den Ersten Weltkrieg mit der Bildung von „Geistigenräten“ im November 1918 war ebenfalls erfolglos, weil die in Gruppenkämpfen befangenen „Geistigen“ keine geschlossene Front aufbauen konnten, zumal die Masse der „deutschen“ Intelligenz auf der Gegenseite stand. Schon zu Beginn des Krieges hatten sich 93 „Intellektuelle“ vorbehaltlos für die deutsche Sache ausgesprochen, und während des Krieges fühlten sich viele führende Köpfe gedrängt, ihr Vaterland in Schutz zu nehmen. Wie oben erwähnt, beschimpften diese Nationalisten ihre Widersacher – zu denen auch die Aktivisten gehörten – als „Intellektuelle“. Während sich also die Aktivisten von den bloß denkenden oder ohne Normorientierung handelnden „Intellektuellen“ absetzen wollten, wurden sie von der vaterländischen Gruppe ausgerechnet als „Intellektuelle“ verhöhnt. Aber nicht nur zwischen den beiden Lagern wurde der Begriff unterschiedlich verwendet, auch bei den Gruppenkämpfen der Kriegsgegner spielte er eine wichtige Rolle: Die „bürgerlichen“ Aktivisten wurden immer wieder als „Intellektuelle“ beschimpft, und auch die Auseinandersetzungen zwischen linken Gruppen wurden mit dem Schimpfwort bestritten.
Neben der Verwendung in der unmittelbaren politischen Auseinandersetzung trugen 1918 auch Thomas Mann und Oswald Spengler zur negativen Aufladung des Schimpfwortes bei. Manns „Betrachtungen eines Unpolitischen“ setzten Deutschland als letztem Vertreter der „Kultur“ die „Weltentente der Zivilisation“ entgegen. Es gehe um die „Politisierung, Literarisierung, Intellektualisierung, Radikalisierung Deutschlands [...] es gilt seine Entdeutschung“. Exponent der das innerliche, poetische Deutschtum bekämpfenden Zivilisation sei der „Zivilisationsliterat“, der „französische“, „kritizistische“ „Intellektuelle“. Obwohl eine europäische Erscheinung, zielen die vehementesten Schmähungen auf Gruppen in Deutschland, die Aktivisten und Pazifisten, deren „Kulturverrat“ Mann geißelt. Oswald Spengler hat in seinem „Untergang des Abendlandes“ die Kultur-Zivilisations-Antithese zu einer umfassenden Geschichtsphilosophie ausgebaut: Der „Kultur“, dem Leben, dem „Land“ folgt mit der „Zivilisation“ der Tod, „die steinerne, versteinernde Weltstadt“; bäuerliche Klugheit steht gegen weltstädtische, wurzellose Intelligenz. Bei Spengler finden sich bereits zentrale konnotative Merkmale, mit denen der Nationalsozialismus später den „Intellektuellen“ denunzierte. Der enorme Erfolg des Buches führte zu einer festen Verbindung von „Intelligenz“ und „großstädtisch“, so dass einer späteren Übertragung des Merkmals auf „Intellektueller“ nichts im Wege stand.