2 Europäische Nationsbildung

Im 13. Jahrhundert erhielt Europa seine abschließende, einheitliche Gestalt. Die Nationsbildung der frühen Neuzeit vollzog sich deshalb vor einem gemeinsamen kulturellen Hintergrund. Während man in der politischen Ereignisgeschichte konkrete Daten nennen kann, sind gesellschaftliche Prozesse schwer zu datieren, um so mehr, als Nationen nur „vorgestellte Gemeinschaften“ (Benedict Anderson) sind. Die alte griechische Bezeichnung „Barbaren“ für alle Fremden, die die Römer auf die Völker nördlich der Alpen angewandt hatten, wich zurück, die Germanen wurden „europäisiert“, schließlich wurde 800 ein fränkischer König zum römischen Kaiser gekrönt. Die Ausdehnung der abendländischen Kulturgemeinschaft setzte sich fort, bis ein Mönch auf dem Konzil von Lyon 1274 sagen konnte, es gebe außer den Tartaren keine Barbaren mehr.

Die Charakteristika des einheitlichen Europa waren die christliche Religion, das Lehnswesen, die Städte und die Ständegesellschaft. Europäische „Projekte“ des Mittelalters waren das Mönchstum, die kirchlichen Universitäten (im Rückbezug auf die Antike), die Kreuzzüge, die eine Einigung der europäischen Führungsschichten bewirkten und die Kolonisierung bzw. Christianisierung. Die Unterscheidung von „nationes“ im ethnischen Sinn, die zunächst in kirchlichen Völkerlisten, dann an den Universitäten verwendet wurde, blieb lange ohne politische Bedeutung. Sie wurde nur als Einteilungsprinzip der großen europäischen Gesellschaft verwendet. Das änderte sich erst im späten Mittelalter, als Kirche und Reich in eine Krise gerieten und die Staatsbildung einsetzte.

Das Heilige Römische Reich war nach den Auseinandersetzungen mit dem Papsttum (Gang nach Canossa 1077) und Streitigkeiten um die Erbfolge (nach Heinrichs VII. Tod 1313) geschwächt. Der römischen Kirche erwuchs mit den Bettelorden ein innerkirchliches Gegenstück, das die Macht des Papstes schmälerte, und durch das große Schisma ab 1378 war das Vertrauen in die Amtskirche ebenfalls angeschlagen. Die Kirchen innerhalb der Staaten begannen, eine eigenständige Politik zu betreiben und sich von Rom abzugrenzen. Die Reformation des 16. Jahrhunderts hatte ebenfalls nationalen Charakter. Vor dem Hintergrund der geschwächten Institutionen begann die politische Modernisierung Europas und die moderne Staatsbildung. Der territoriale Verwaltungsstaat löste den mittelalterlichen Personenverbandsstaat (mit dem Lehnswesen als Herrschaftsprinzip und Landbesitz als Machtgrundlage) ab. Die neue Herrschaftsform erstreckte sich auf Land und Leute, konzentrierte die Macht beim Herrscher (und ließ dadurch die Mächtigen aus seiner Umgebung verschwinden) und war auf Dauer angelegt. Es bildeten sich Regierungssitze, Steuern wurden zentral erhoben, Fürsorge geleistet und eine Polizei aufgestellt. Der punktuell einberufene Hoftag (curia regis) des Königs entwickelte sich zu einem ständigen Hofrat, der ganz vom Herrscher abhing. Die Rechtsprechung wurde zentralisiert und vereinheitlicht, private Justiz (Fehde) wurde verboten, Rechtssicherheit versprochen. Das ritterliche Gefolge wurde durch ein stehendes Söldnerheer ersetzt. Die Städte organisierten sich und gelangten, meist mit Unterstützung des Herrschers, zu politischer Selbständigkeit gegenüber den lokalen Machthabern.

Die Staatsbildung war eine radikale Transformation des politischen Systems. Träger der neuen Ordnung waren (stärker als vorher) das Königtum, der Dienstadel (die Ministerialen), der stärker als die Adeligen an den König gebunden war, und die Beamtenintelligenz, die den Klerus in der Umgebung des Königs ablöste. Dadurch wurde die königliche Verwaltung unabhängiger von anderen Institutionen. Die korporative Organisation der städtischen Führungsschicht war das Vorbild der neuen Verwaltungsstruktur. Außenpolitisch wichtig war vor allem die Abgrenzung gegen den römischen Zentralismus. Portugal war einer der ersten Nationalstaaten Europas: es erklärte den Dialekt Porto zur Amtssprache und rüstete eine eigene Flotte aus.

Die gesellschaftliche Antwort auf die politische Umstellung war die Nationsbildung. Die Führungsschichten entwickelten ein Gemeinschafts- und Landesbewußtsein. Während für die Ministerialen der König Hauptbezugspunkt war, besann sich der Adel auf seine eigene Schicht als Nation. Der ethnisch besetzte Nationsbegriff wurde politisiert und zum Synonym für die Staatsbevölkerung. Außer den Führungsschichten hatte auch das (privilegierte) Stadtbürgertum ein korporatives Bewußtsein. Auch die Sprache innerhalb einer Nation wurde vereinheitlicht: die regionalen Sprachunterschiede wurden zu sozialen.

Eine neue Grundvorstellung von politischer Gemeinschaft setzte sich - im Rückgriff auf die römische communitas - durch: ein Verband Gleichgestellter statt hierarchischer Abhängigkeit. Diese Alternative zur traditionellen Vorstellung blieb allerdings auf die literaten Schichten beschränkt und wurde auch nur punktuell verwirklicht, z.B. in den Parlamenten des Adels (Reichsstände) und durch die Durchsetzung politischer Rechtsbegriffe gegenüber dem König (Goldene Bulle). In der frühen Moderne entstand ein duales Herrschaftssystem aus König und Ständen bzw. Adel. Die frühmoderne Nation bleibt nach wie vor ständisch gegliedert. Träger der Gemeinschaft waren in den europäischen Ländern das Königtum (Frankreich, Portugal), das Königtum in Verbindung mit der ständischen Nation (England, Schweden) oder die ständische Nation (Polen, Deutsches Reich).

Im Absolutismus wurden die Stände durch den Herrscher verdrängt und der nationale Charakter dadurch problematisch, weil die Verkörperung einer Nation durch eine Person unmöglich ist. Im deutschen Reich dagegen war das Königtum zu schwach, um sich gegen eigene Staatsbildung durch die Kurfürsten und die freien Reichsstädte durchzusetzen. Eine nationale Kultur konnte sich wegen der multiethnischen Bevölkerung nicht entwickeln. Die Reformation brachte zusätzlich eine Spaltung der Reichsnation und eine konfessionelle „Säuberung“ der Territorialstaaten.

Der dritte Bestandteil der Modernisierung Europas war die Ideologiebildung, die eng mit der Nationsbildung zusammenhängt. Im Protonationalismus (ein in der spanischen Historiographie häufig verwendeter und nicht negativ besetzter Begriff) zeigten sich schon während des 14. Jahrhunderts die Phänomene von Ausgrenzung und Feindschaft gegenüber anderen Nationen. Die Abgrenzung ist allerdings zum Teil ein natürlicher Prozeß der nationalen Identitätsbildung: während der Kreuzzüge entstand innerhalb der ethnisch gemischten Heere Konkurrenzdenken und -kampf. Nationales Bewußtsein entstand auch außerhalb der Adelsnation, z.B. im städtischen Bürgertum. Während des Hochmittelalters traten die Nationen zunehmend in den Mittelpunkt der Geschichtsschreibung.

Man betrieb Abstammungsforschung und entwickelte über die Identifikation mit antiken Völkern ein neues Selbstbewußtsein: die Italiener beriefen sich auf die Römer und die Franzosen reklamierten das griechische Erbe. Durch die Wiederentdeckung der „Germania“ des Tacitus im 15. Jahrhundert wurden die ethnischen Wurzeln der deutschen Stämme offengelegt, woraus sich auch ein neues Zusammengehörigkeitsgefühl innerhalb des Reiches, das eigentlich nur ein politischer Interessensverband war, ergab. Ursprungsmythen (die Spanier betrachteten sich als Nachkommen der Westgoten) und Ursprungspersonen (Chlodwig, Arminius) sollten die eigene Nation legitimieren und überhöhen. Auch Schlachten mit nationalem Nimbus (1214 Sieg Philipps von Frankreich über England und das Reich, 1474 Sieg der schweizer Bauernheere über Karl den Kühnen) trugen zum Selbstbewußtsein als Nation bei. Bestimmte Kriege (Reconquista in Spanien, 100jähriger Krieg England / Frankreich) waren sogar nur national motiviert.

An die Stelle der ethnischen Identifikation trat die staatliche, in Frankreich wirkte z.B. die Bezeichnung Francia für ein bestimmtes Stammesterritorium namensgebend für die gesamte Bevölkerung. Der Papst bezeichnete die Bewohner des Territoriums des deutschen Reiches allgemein als Teutonices.

Für die vormodernen Frühnationen waren essentiell:

Im tschechischen Landadel entstand im 15. Jahrhundert eine starke nationale Bewegung, der Hussitismus. Das Kuttenberger Dekret verbot die deutsche Sprache an der Prager Universität (1348 als erste im Reich gegründet) und führte zu einem „Sprachkrieg“. Die Abgrenzung gegenüber anderen Völkern des Reiches war beliebig: Die Natio Teutonica bestand nach tschechischer Auffassung aus den Nationes Baiuwaria, Saxonia und Polonia. Die Hussitenheere kämpften gegen den deutschen König Sigismund und setzten ab 1458 ein nationales Königtum durch.

Häufig wurden auch nationale Argumente als Legitimation benutzt: das bourbonische Königtum verstand sich als nationale Dynastie. Im Kolonialismus (z.B. des Deutschen Ordens im Osten) zeigten sich ebenfalls nationale Elemente. Das portugiesische Königtum betrieb Seekolonisation (Heinrich der Seefahrer) und begründete sie mit einer Mischung aus nationaler und religiöser Argumentation. Durch die rassische Verschiedenheit der überlegenen Kolonisten von den unterlegenen Ureinwohnern entstanden bereits im ausgehenden Mittelalter rassistische Tendenzen.

Im 18. Jahrhundert begann die bürgerliche Nationsbildung. Nach dem Ende des 30jährigen Krieges gab es keine großen religiösen Konflikte mehr, die europäischen Staaten konnten sich politisch konsolidieren. Der Absolutismus verdrängte das Feudalsystem und die Aufklärung beendete die geistliche Hegemonie der Kirche und ersetzte sie durch eine säkularisierte, vernunftbetonte Wissenschaft. Nationale Kulturen bildeten sich (frühes Zentrum: Leipzig) und die Volkssprachen wurden standardisiert. Durch Dampfmaschine, neue Techniken und Protoindustrialisierung veränderten sich die agrarische und gewerbliche Wirtschaft radikal. Der Träger des Wandels war die bürgerliche, nicht mehr die ständische Gesellschaft.

Innerhalb dieser Gemeinschaft (die allerdings eng auf die Spitzen des städtischen Bürgertums begrenzt war) traten ständische und berufliche Kriterien zurück. Sie war geprägt von einem relativen Geist der Toleranz und von den neuen Kommunikationsmöglichkeiten der hochsprachlichen Schriftkultur mit der Zeitung als zentralem Medium. Die soziale Mobilität erhöhte sich durch die erweiterten Bildungsmöglichkeiten und das Aufbrechen der Standesstrukturen Die Pastoren, die im Mittelalter stets vom Bürgertum ausgenommen waren, bildeten einen wichtigen Bestandteil der gebildeten Bürgerschaft.

Die ökonomische Entwicklung, die in die industrielle Revolution mündete, begann nach der Bildung dieser bürgerlichen Gesellschaft und war - im Gegensatz zu marxistischen Geschichtstheorien - nicht deren Voraussetzung. Der Keim der bürgerlichen Nationsbildung lag vielmehr im eigenen politischen Interesse der nichtadligen städtischen Eliten. Als Vorstufe des Nationsbewußtsein kann der Patriotismus bezeichnet werden.

In der ständischen Gesellschaft galt der Adel (d.h. die Ritter) als der „patriotische“ Stand, der für das Vaterland kämpfte und starb, während das Volk (Bauern und Bürger) arbeitete und sich nicht um den Staat kümmerte. Deshalb war der patriotische Anspruch der Bürger ein weiteres Indiz für das Ende des Ständesystems. Ab 1700 entstanden in England (1723 in Hamburg) patriotische Zeitschriften, die sich hauptsächlich mit neuen Techniken der Gartenwirtschaft befaßten, aber auch politische Grundsätze vertraten: die Patrioten waren untereinander gleich an Rechten, die Volksaufklärung wurde zum Ziel erklärt. Aus diesen gemeinsamen Interessen entwickelte sich ein nationales Selbstverständnis des Bürgertums. Besonders ausgeprägt war der Patriotismus in England und der eidgenössischen Schweiz.

Die patriotische Bewegung in der Schweiz begann in der Mitte des 18. Jahrhunderts mit der Gründung der Helvetischen Gesellschaft (1761), einem Verein reicher Bürgersöhne mit gemeinsamen Interessen. Kernpunkte des Patriotismus waren die Identifizierung mit der heimatlichen Landschaft (in Volksliedern besungen) und eine nationale Geschichtsschreibung. In den Niederlanden politisierten sich die Patrioten schneller: ab 1780 erkämpften sie die Macht in den Provinzen Holland und Utrecht gegen die traditionelle Vorherrschaft des Statthalters aus dem Hause Oranien und der saturierten Oberschicht. Durch die preußische Intervention 1787 brach die „niederländische Revolution“ allerdings zusammen.

Seit 1760 gab es in Hamburg eine (heute noch bestehende) patriotische Gesellschaft. Neben diesen Vereinen bildeten sich im deutschen Reich unter der Bezeichnung „Deutsche Union“ zahlreiche akademische Clubs (Jena, Halle, Göttingen, Leipzig) für „deutsche Belange“. Der siebenjährige Krieg Preußens mit Österreich war für das patriotische Bewußtsein wichtig: der Angriff Friedrich II. auf den deutschen Kaiser bedeutete einen Bruch des politischen Systems und der Verfassungsstruktur des Reiches. Mit dem Frieden von Hubertusburg von 1763 wurde Preußen eine neue Großmacht. Die Aufteilung Polens zwischen Preußen, Österreich und Rußland bis 1793 verwischte durch die Aufnahme reichsfremder Gebiete in reichsangehörige Staaten die Grenzen des Reiches weiter. Diese Entwicklung verstärkte die Sorge der deutschen Intellektuellen um den Fortbestand der deutschen Nation in einem gemeinsamen Staat und führte zur „Deutschen Bewegung“. 1765 klagte Karl-Friedrich von Moser in seiner Schrift „Vom teutschen Nationalgeist“, „die stärkste Macht Europas“ sei jetzt „kraftlos durch Trennungen“. Er bezeichnete den Reichstag bereits als „Nationalversammlung“.

Klopstock schlug 1762 eine „deutsche Gelehrtenrepublik“ der bürgerlichen Bildungsgesellschaft vor. In den achtziger Jahren entstand eine ähnliche Initiative auf fürstlicher Ebene: ein „deutscher Fürstenbund“ der mittleren und kleineren Fürsten sollte als Gegengewicht zu den Großmächten Preußen und Österreich fungieren. Herder gründete auf Wunsch der Fürsten 1787 die „Deutsche Akademie“ die sich mit Sprach- und Nationalgeschichte befaßte und Verbesserungsvorschläge sammeln sollte.