2. Antike Grundlagen byzantinischer Bildung

Zwei Voraussetzungen der Akzeptanz antiker Bildung waren in Byzanz in besonderem Maße gegeben. Zum einen lebten alle Byzantiner (und besonders die Einwohner der großen Städte wie Konstantinopel, Ankara oder Antiochia) sozusagen in Sichtweite der Antike in Form von Denkmälern und Inschriften, und auch mündlich tradierte Lokalgeschichten wie die Patria Konstantinopolis trugen zur Identifikation mit der antiken Geschichte bei. Zum anderen stützte sich das Christentum seit dem Ausgleich mit der heidnischen Bildung im 4. Jahrhundert stark auf antike Denkweisen und sprachliche wie künstlerische Ausdrucksformen.

Während sich das byzantinische Staatswesen, seine Gesellschafts- und Wirtschaftsform bis ins 6. Jahrhundert zunehmend von den römischen Wurzeln emanzipierte, herrschte auf dem Gebiet der Bildung im selben Zeitraum weitgehende Kontinuität: Im Bewußtsein der Zeitgenossen begann erst im 6. Jahrhundert der Übergang in eine neue Zeit. Die antike Bildung war sozial und inhaltlich differenziert: für mindestens 95% der Menschen - sofern sie nicht überhaupt Analphabeten waren - genügte eine Grundausbildung, die aus Lesen und Schreiben bestand, weniger als 5% erhielten eine höhere allgemeine Bildung oder eine Spezialbildung (etwas in Medizin oder Jurisprudenz). Verbindliche Grundlage war, wie schon erwähnt, die griechische Bildung, wie sich seit den Sophisten im 5. und 4. vorchristlichen Jahrhundert herausgebildet hatte. Sie war im Hellenismus vervollkommnet und im 1. Jahrhundert v. Chr. von Rom übernommen worden, so daß man für den Westen von einer „hellenistischen“ Bildung im lateinischen Gewand sprechen kann. Die Möglichkeiten des Bildungserwerbs waren hauptsächlich Privatlehrer bzw. Privatschulen, hinzu kamen für die höhere Bildung Großschulen wie Platons Akademie, die eine bestimmte geistige Richtung vertraten. Inhaltlich bestand die antike Bildung bis zum 6. Jahrhundert aus drei Komponenten:

  1. Meisterung der Sprache in Wort und Schrift (Rhetorik) - Hauptziel der Bildung
  2. Körperliche Erziehung mit sportlichen und militärischen Übungen - geht der Rhetorik zeitlich voraus
  3. Musische Erziehung, bestehend aus Instrumentenspiel und Tanz

Gegenüber der Rhetorik traten die anderen Elemente im Laufe der Zeit immer stärker zurück, hinzu kamen spezielle Formen wie die medizinische und die juristische Ausbildung, wobei die große Bedeutung der Rechtslehre ein römisches Phänomen war, das in der griechischen Welt mit ihren unterschiedlichen Rechtsnormen unwichtig blieb. Die Verbreitung der Bildung war in der Antike eng an die Polis und ihre Nachfolgerin, die in einen Staat eingebundene Stadt, geknüpft. Der Grund dafür waren die materiellen Voraussetzungen für die Einrichtung von Schulen, auch wenn sie privat initiiert wurden. Da die Entwicklung einer Stadt unmittelbarer Ausdruck der Prosperität einer Region war, konnten auch nur in diesen Gebieten Bildungseinrichtungen durch Mäzene oder Leiturgien, eine Art Bildungssteuern, gefördert werden. Eine hohe Dichte städtischer Besiedlung führte auch zu einer hohen Bildungsdichte, indem die städtischen Institutionen auf das umliegende Land wirkten. Die Städte waren aber nicht nur Zentren der Bildung, sondern auch die Keimzellen des Christentums, das so eng mit den Formen der paganen Bildung in Kontakt trat und sich mit ihnen auseinandersetzte. Für die geistige Formung des Christentums war es von entscheidender Bedeutung, daß die meisten der frühen Christen erst als Erwachsene konvertierten, daß sie also die Inhalte und Formen der antiken Bildung verinnerlicht hatten und nun mit den gleichen Mitteln anders interpretierten. Der Niedergang der urbanen Kultur seit der Mitte des 5. Jahrhunderts durch Seuchen, Erdbeben und das Eindringen der Perser behinderte auch die Verbreitung von Bildung: Es gab weniger Schulen und kleinere Bildungszonen, auch der Bedarf an gut ausgebildeten Leuten sank. Die Bedeutung der Provinz gegenüber den Städten nahm zu, wodurch das Christentum in seiner ländlichen Ausprägung eine Stärkung erfuhr: dem Klostertum. Die klösterliche Kultur stellte in vieler Hinsicht einen Gegenentwurf zu den assimilierten städtischen Gemeinden dar. Sie bezog sich auf die Askese als Grundprinzip und verstand Bildung hauptsächlich als moralische Bildung - im Gegensatz zur philosophisch geprägten urbanen christlichen Bildung.

Parallel zum allgemeinen Rückgang der Bildung veränderten sich auch die Formen des Erwerbs und die Ziele: Viele Großschulen und Spezialschulen verschwanden, teilweise wegen des gesunkenen Bedarfs, teilweise aber auch aus politischen oder religiösen Gründen. Kaiser Justinian ließ 527 die Athener Akademie schließen, wahrscheinlich wegen ihrer heidnischen Bildungsinhalte, aber auch wegen der Konkurrenz zur Hauptstadt Konstantinopel. Die körperliche und musische Erziehung wurden unter dem Druck eines körper- und lustfeindlichen Christentums ebenfalls stark eingeschränkt (eine Ausnahme bildete hier wie in vielen anderen Hinsichten Ägypten, das bis zum Arabersturm in 7. Jahrhundert eine Insel der Antike blieb).

Es blieb die Rhetorik bzw. die enkyklios paideia. Dieser Begriff umfaßte die einem freien Mann würdige und nur ihm mögliche Bildung, aber auch die allgemein übliche Bildung freier Männer. Der „sich schließende Kreis“ (enkyklios) bestand aus verschiedenen Disziplinen, die aber nur im stärker kategorisierenden Westen systematisch unterschieden wurden. Zu den freien Künsten (artes liberales war die lateinische Übertragung des griechischen Ausdrucks) zählten Seneca und Quintilian im 1. Jahrhundert n. Chr. die drei Grunddisziplinen Grammatik, Dialektik und Rhetorik (trivium), sowie die übergeordneten Disziplinen Arithmetik, Geometrie, Musiktheorie und Astronomie (quatrivium). In Byzanz wurden diese Inhalte (ohne daß sie so unterschieden worden wären) anhand der antiken griechischen Schriften gelehrt, im Westen griff man größtenteils auf Übersetzungen, Paraphrasen und Zusammenfassungen zurück. Trotz des formal gleichen Kanons differierten deshalb die Inhalte erheblich, der Osten hatte den Vorteil des leichteren sprachlichen Zugangs zur Antike.