1.5 Entwicklung einer politischen Gesellschaft

Geschichte als Teilbereich gibt es in allen wissenschaftlichen Fachrichtungen. Die Geschichtswissenschaft muß deshalb - um ihre Existenz zu legitimieren und einen autonomen Fachbereich auszuweisen - eine nicht fachbezogene Position zur Vergangenheit einnehmen. Als Gegenstand einer breiten Darstellung bietet sich in neuerer Zeit die politische Geschichte an, innerhalb derer die Entwicklung der Nationen zentral ist. Damit ist die Nationsbildung auch der Kern der Geschichtswissenschaft. Dabei gilt, daß jeder Historiker auch politisch denkend ist, eine neutrale Geschichtsschreibung frei von ideologischer oder nationaler Parteinahme ist illusorisch. Die Bildung einer Nation im Sinne einer politischen Gesellschaft ist ein Übergang von einer traditionellen Gesellschaft, geprägt durch Religion, ständische Gliederung und agrarische Wirtschaftsstruktur, zu einer modernen Gemeinschaft. Den Merkmalen der „alten“ Gesellschaft entsprechend, besteht dieser Übergang aus drei parallelen Prozessen: Säkularisation, Demokratisierung/Nationalisierung und Industrialisierung.

Prof. Dann vertritt ein Konzept der politischen Moderne, daß die Entwicklung einer Nation in fünf Phasen einteilt.

Staatsbildung - Die militärische Herrschaft wird direkter, d.h. der Herrscher hat eine unmittelbare Verbindung zu den Kämpfern (im Unterschied zur mittelalterlichen „Lehenspyramide“), stehende Berufsheere und das Söldnerwesen setzen sich durch. Die Herrschaftsrechte werden gebündelt, es bilden sich Territorialstaaten. Ein Bewußtsein der Verantwortung des Herrschers für sein „Staatsvolk“ setzt sich durch.

  1. Nationsbildung - Die Bevölkerung eines Territorialstaats entwickelt ein Staatsbewußtsein. Politische Legitmierung eines Herrschers löst das Gottesgnadentum ab (prinzipiell keine neue Entwicklung). Als Antwort auf das gesteigerte Kommunikationsbedürfnis innerhalb einer Nation werden Amtssprachen gebräuchlich.
  2. Demokratisierung - Auch die nicht privilegierten Schichten partizipieren an der Herrschaft. Allerdings bleiben soziale Klassenunterschiede bestehen, nicht jeder hat die Möglichkeit der politischen Einflußnahme.
  3. Sozialisierung - Bewegungen für soziale Gerechtigkeit entstehen, Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit werden realisiert. Die Solidargemeinschaft auf nationaler Ebene entsteht.
  4. Internationale Stabilisierung - Der Staat ist auch außen unangefochten und wird von anderen Staaten als gleichberechtigt akzeptiert. Das Instrument für eine solche internationale Gleichberechtigung ist eine Organisation wie die UN, die sich allerdings noch nicht bewährt haben. Die Verwirklichung dieser letzten Phase steht also noch aus, obwohl eine ähnliche Situation in Westeuropa schon entstanden ist: ein Krieg zwischen den westeuropäischen Staaten ist heute nicht mehr denkbar, die Grenzen stehen fest.

Triebkraft dieser Entwicklungen war stets die Intelligenz, im Mittelalter repräsentiert durch die Kleriker, die als Lehrer, Forscher und Schreiber der Herrschenden arbeiteten. Im 19. Jahrhundert entwickelte sich die Schicht der Gebildeten vom Status der Dienenden zum progressiven Kern der Nation. In bestimmten Fällen (Italien) ersetzte die Intelligenz sogar eine fehlende nationale Führungsschicht.