1.4 Das „Wirtschaftswunder“

Parallel dazu wurden in der Bundesrepublik und der DDR Währungsreformen durchgeführt. Die Rückkehr der letzten Soldaten und die plötzlich wieder vorhandenen Waren bildete im Bewußtsein der Bevölkerung eine Einheit: Erst jetzt war der Krieg tatsächlich vorbei. Der kurzen Überraschung über die gehamsterten Vorräte der Händler folgte ein tatsächlicher wirtschaftlicher Aufschwung, das sogenannte Wirtschaftswunder. So wurde es von den Zeitgenossen und auch von den meisten Wirtschaftshistorikern bis in die 70er Jahre betrachtet. Als Ursachen galten allgemein der Marschallplan, d.h. die finanzielle Unterstützung durch die USA, und die Politik des Wirtschaftsministers Ludwig Erhard. Erst Mitte der 70er Jahre kritisierte der Wirtschaftswissenschaftler Abelshauser diese einseitige Betrachtung. Seiner Meinung nach war die bisher gepflegte Sichtweise vor allem eine Gründungslegende der Bundesrepublik. Tatsächlich habe es bereits 1947 einen Aufschwung gegeben, das Wachstum lasse sich vor allem auf die Nutzung der trotz Demontage und Kriegszerstörungen vorhandenen Ressourcen zurückführen. Er erntete zunächst breite Zustimmung, aber auch scharfe Kritik etwa von Knut Borchardt, der weiterhin die „klassische“ These vertrat. Borchardts Schüler Christoph Buchheim stellte 1989 in einer Studie fest, daß die von Abelshauser genannten Faktoren ebenfalls, aber nicht ausschließlich relevant seien. Der Wirtschaftshistorikerstreit ist noch nicht beendet, in seinem Zentrum stehen unterschiedliche ordnungspolitische und Wachstumstheorien.

Fest steht, daß die rasche politische Stabilisierung der Bundesrepublik ohne das Wirtschaftswunder undenkbar gewesen wäre. Das Beispiel Weimar hatte gezeigt, daß große Teile der Bevölkerung auf wirtschaftliche Probleme mit politischer Radikalisierung reagierten. Die 1919 gegründete erste deutsche Demokratie galt als Negativbeispiel für demokratische „Experimente“. Der Wunsch nach einem starken Führer hatte Hitler und dem NS-Regime eine breite Zustimmung eingebracht, die erst durch die Erfahrungen des Krieges abnahm. Noch in der Nachkriegszeit bezeichneten in einer Umfrage 52% der Bevölkerung den Nationalsozialismus als prinzipiell gute Idee während ihn nur 35% grundsätzlich ablehnten. Aber sollte der Dank für die politische Wirkung des wirtschaftlichen Aufschwungs nur den USA und Ludwig Erhard gelten? Tatsache ist, daß nicht nur die deutsche, sondern auch die britische und die französische Wirtschaft prosperierten. Zudem war Erhards Konzept eines Mittelweges zwischen Kapitalismus und Sozialismus, die soziale Marktwirtschaft, zunächst nicht sehr erfolgreich: Noch im Winter 1949 gab es 2 Millionen (7,2%) Arbeitslose, durch die Koreakrise stiegen die Preise weiter. Schon gab es auch in Erhards CDU Stimmen, die nach Preiskontrollen verlangten. Erst 1952 begann der plötzliche Umschwung, die Preise sanken, Arbeitskräfte wurden gebraucht. Die Arbeitslosenquote sank von über 10% bis 1950 auf 5,2% 1955 und 0,7% 1962. Die Vollbeschäftigung wurde trotz der Integration von 1,7 Millionen DDR-Bürgern, die ihren Staat bis 1961 verließen, realisiert. Allerdings stellten diese Flüchtlinge keine Belastung, sondern eine Bereicherung dar: Sie waren meist junge, motivierte und gut qualifizierte Arbeitskräfte, deren Pioniergeist der Wirtschaft einen weiteren Wachstumsschub bescherte. Verglichen mit dem Wert von 30 Milliarden DM, den dieses „Humankapital“ darstellte, nehmen sich die 7 Milliarden an Krediten des Marshallplans sogar relativ bescheiden aus. So wurde z.B. das bis 1945 stark agrarisch geprägte Bayern nach dem Krieg „industrialisiert“. Schon 1957 überstieg die Produktion der Industrie in Bayern die der Landwirtschaft, und seit den 70er Jahren gehört der Freistaat zu den industriellen Spitzenreitern innerhalb der Bundesrepublik. Diese Veränderungen gingen nicht, wie die klassischen Industrialisierungsschübe des 19. und frühen 20. Jahrhunderts von den Städten, sondern von den Unterkünften der Flüchtlinge auf dem Land aus: Ihre Innovationskraft ermöglichte eine „importierte Industrialisierung“. Die Vollbeschäftigung gelang also nicht trotz, sondern wegen der Flüchtlinge. Dementsprechend reagierte die Bundesrepublik auf den Mauerbau 1961 mit der Anwerbung von Gastarbeitern in südeuropäischen Ländern, die die Arbeitsplätze besetzten, für die sich keine deutschen Bewerber mehr fanden.

Ebenso wichtig für die deutsche Wirtschaft war die rasche Einbindung in die Weltwirtschaft dank des Marshallplans. Bereits 1960 stammten 10% der Weltexporte aus der Bundesrepublik, die sich dank des niedrigen Lohnniveaus, der unterbewerteten D-Mark und der steuerlichen Entlastung für die Unternehmen zum Export-Vizeweltmeister hinter den USA emporgearbeitet hatte. Das Bruttosozialprodukt stieg von 98,1 Milliarden DM 1950 auf 181,4 Mrd. 1955 und 303 Mrd. 1960. In den Jahren 1950 bis 1955 betrug das durchschnittliche Wachstum 8,8% pro Jahr, ab 1961 verlangsamte sich der Aufschwung und erst 1967 mußte ein Rückgang der Wachstumsquoten hingenommen werden. Der Lohnzuwachs für Arbeitnehmer stand hinter dem rasanten Wirtschaftswachstum etwas zurück, obwohl der Reallohn zwischen 1950 und 1961 um 175% zunahm. Anders als erwartet resultierte die allgemeine Zunahme an Wirtschaftskraft nicht in einer nivellierten Mittelstandsgesellschaft:

Einkommen in DM 1950 1960
Arbeiter 230 683
Beamte / Angestellte 336 804
Selbständige 437 1154

Die Einkommensschere öffnete sich weiter, wobei in das Einkommen der Selbständigen teilweise die unentgeltliche Mitarbeit von Familienmitgliedern einfloß. In den anderen Gruppen waren Frauen unterdurchschnittlich vertreten: 1960 waren 60% der männlichen Bevölkerung berufstätig, aber nur 28,6% der weiblichen. Die Ursachen für dieses Ungleichgewicht zeigt ein Bericht der Bundesregierung zu diesem Thema 1967 freiwillig und unfreiwillig auf. Es wird betont, daß die Erwerbstätigkeit von Müttern nicht notwendig schlecht für ihre Kinder sei; immerhin eine Abschwächung gegenüber dem Rechtfertigungszwang, unter dem berufstätige Mütter in den 50er Jahren standen. Zwar belegten Studien, daß Kinder aus vaterlosen Familien früher selbständig und zielstrebiger seien, aber während Kriegerwitwen, die sich um Arbeit bemühten, hoch geachtet waren, wurden ledige Mütter in doppelter Hinsicht diskriminiert: als „gefallene Mädchen“ und als „Rabenmütter“. Während des Krieges war Frauenarbeit erwünscht gewesen, nach der Rückkehr der Männer sollten sie sich nun wieder auf den häuslichen Bereich beschränken. Der erwähnte Bericht der Bundesregierung dokumentiert die Benachteiligung der Frauen bei der Einstellung, der Beförderung und der Bezahlung. 1950 bekamen Industriearbeiterinnen 59% des Lohnes ihrer männlichen Kollegen, zehn Jahre später 61%.

Die frühe Bundesrepublik war keine reine „Wohlstandsgesellschaft“. Zu den Unterschieden aufgrund des Geschlechts kam auch die „Enteignung“ kleiner Sparer gegenüber Grundbesitzern durch die Währungsreform und die Mittellosigkeit der Flüchtlinge. Auch das Lastenausgleichsgesetz von 1952 konnte trotz der bis 1978 ausgezahlten 110 Milliarden DM an dem Ungleichgewicht wenig ändern. Die wenigsten Flüchtlinge erreichten ihren alten Lebensstandard. Obwohl der private Wohlstand im Vergleich zur unmittelbaren Nachkriegszeit gewaltig angestiegen war, blieben Luxusgüter lange einer relativ kleinen Schicht vorbehalten: Ein Fernseher war 1964 in 63% aller Arbeiterhaushalte (und nur 54% aller Beamten- oder Angestelltenhaushalte) vorhanden, aber nur 30% der Arbeiter besaßen im Gegensatz zu 70% der Beamten und Angestellten ein Auto. Auch die private Vermögensbildung war bei dem üblichen Lohnniveau kaum möglich. Die Einführung der dynamischen Rente 1957 und andere soziale Maßnahmen konnte nicht verhindern, daß ein Riesenheer von Armen entstand bzw. fortbestand. Als Ursachen und Merkmale der Armut nennt ein Bericht von 1953 Arbeitslosigkeit, den Tod des „Ernäheres“ im Krieg und das „falsche“ Geschlecht. Vor allem ältere und weibliche Arbeitnehmer stellten die 8,9 Millionen Beschäftigten in Niedriglohngruppen (weniger als 250 DM im Monat) – bei nur 23,5 Millionen Arbeitern insgesamt. Noch schlechter waren die Empfänger von Fürsorgeleistungen gestellt: Den Richtsatz von 70 DM pro Monat für den Haushaltsvorstand erhielten 1950 2,3 Millionen Haushalte, 1960 hatten immer noch 1 Million Haushalte Anspruch auf den mittlerweile erhöhten Betrag von 93 DM. Eine weitere notleidende Gruppe waren die Rentner. Dem errechneten Bedarf von 267 DM pro Monat für einen Zweipersonen-Haushalt standen 57% weiblicher Rentner gegenüber, die weniger als 100 DM im Monat bekamen. Trotz großer sozialer Leistungen des Staates herrschte kein allgemeiner Wohlstand.