Nach dem kurzen Tauwetter in der deutschen Familienpolitik hat das Politbüro die Zeichen der Zeit erkannt und die Zügel etwas angezogen. Moderne Männer sind wieder ein Thema für Grüne, die sich dafür als Waschlappen
und Warmduscher
verspotten lassen. Wenn ich richtig gerechnet habe, müsste die Berliner Mauer in etwa vier Jahren fallen.
Passend zum gesellschaftlichen Trend wird auch der gute alte vorlesemufflige Papa wiederbelebt.
Um mich dem Zeitgeist ohne größeren Aufwand entgegenzustemmen und damit ich in einigen Jahrzehnten nicht in meinem unzuverlässigen Gedächtnis nach dem Titel dieses schönen Kinderbuchs von, na, dem Dings, das mit dem kleinen Entchen, das diese, na... suchen muss, veröffentliche ich hiermit eine Liste der schönsten Vorlesebücher. Mit textfreien Bilder- und Fühlbüchern konnten meine Kinder und ich nie besonders viel anfangen.
- Thomas Winding/Ole Könnecke: Was sagt der kleine Bär?
- Ein guter Einstieg sind die Geschichten um einen kleinen Bären, dessen Eltern grundsätzlich an ihm vorbeireden und -handeln – ohne dass das besonders dramatische Folgen hätte: Der kleine Bär schweigt beharrlich und bringt sich jeweils zum Schluss mit einer hilfreichen oder überraschenden Bemerkung wieder ins Spiel. Leider sind sowohl die einzelnen Geschichten als auch der Sammelband derzeit vergriffen.
- Ernst Jandl/Norman Junge: fünfter sein
- Wer seine Kinder schon früh mit anspruchsvoller Lyrik in Kontakt bringen will, sollte die wunderschön bebilderte Version von Ernst Jandls fünfter sein in Betracht ziehen. Die kurze Geschichte ist auch für sehr junge Zuhörerinnen nicht zu komplex, und der gleichförmige Takt macht angenehm schläfrig.
- Hans-Georg Lenzen/Sigrid Fehse Hanck: Viel Spaß mit Onkel Tobi
- Ein weiteres der wenigen Beispiele für gelungene Kinderdichtung ist Onkel Tobi. In vier Geschichten fährt Onkel Tobi einkaufen, bewirtschaftet seinen Hof, macht einen Ausflug und renoviert sein Haus. Der Text dieser unspektakulären Episoden plätschert so elegant dahin, dass sie sich wunderbar vortragen und noch besser auswendig lernen lassen:
Samstag Morgen fährt der Onkel mit dem Wagen in die Stadt, weil er für die nächste Woche manches einzukaufen hat...
- Eric Carle: Die kleine Raupe Nimmersatt
- Etwas konventioneller ist der Klassiker von Eric Carle. Der massenhafte Futterkonsum der Raupe macht kleinen Kindern – und gewissen US-Präsidenten – trotzdem viel Spaß (
Wird immer dicker! Kriegt Bauchweh!
). Eric Carle hat leider gewisse Gemeinsamkeiten mit Leo Lionni: Beide verfügen über einen charakteristischen graphischen Stil, beider Geschichten sind recht harmlos und manchmal etwas moralisch, und speziell die neueren Werke wirken beliebig und konstruiert. - Tomi Ungerer: Crictor, die gute Schlange / Die drei Räuber
- Bevor Tomi Ungerer dazu überging, seine Bilder mit irritierenden Details wie Äxten in Köpfen oder abgetrennten Gliedmaßen zu versehen, hat er ebenfalls sehr schöne Kinderbücher verfasst. Crictor, die gute Schlange wurde bereits 1957 veröffentlicht und berichtet sehr beschaulich vom Leben einer zahmen Boa Constrictor in einer kleinen französischen Stadt. Sehr viel bekannter sind Die drei Räuber, die ein kleines Mädchen vor einer bösen Tante retten und ihre zusammengeraubten Reichtümer schließlich dafür verwenden, ein Kinderheim zu gründen.
- Renée Nebehay/Walter Schmögner: Mrs. Beestons Tierklinik
- Auch Mrs. Beestons Tierklinik hat gewisse Ähnlichkeiten mit einem guten Kinderheim, auch wenn die Bewohner größtenteils erwachsene Tiere sind, die unter ungewöhnlichen Beschwerden (Fluchsucht, fehlende Katzenangst, nach außen gedrehte Füße) leiden. Die Hauptfigur Doubleday ist zwar ein unglaublich niedliches Entchen, aber die phantasievolle Geschichte und der charmante Text vertragen süße Enten und gute Enden, ohne allzu kitschig zu werden.
- Michael Ende/Annegert Fuchshuber: Das Traumfresserchen
- Ein sehr praktisches Buch ist das Traumfresserchen, das neben einer schönen Geschichte – ein König sucht für seine Tochter ein Mittel gegen böse Träume – ein Mittel gegen böse Träume enthält. Ein weiterer Bonus sind die Bilder von Annegert Fuchshuber, die selbst sehr böse Träume zu einem visuellen Genuss machen.
- Reiner Zimnik: Bills Ballonfahrt
- Bills Ballonfahrt verbindet eine vergleichsweise zeitlose Geschichte – ein Junge möchte fliegen und verwendet zur Verwirklichung seines Traums Unmengen von heliumgefüllten Luftballons – mit einer längst vergangenen Darstellung amerikanischen Lebens (große Farmen, unendliche Weiten, sorgloser Wohlstand). Der Zeitkapsel-Effekt ist natürlich eher etwas für die vorlesenden Eltern, aber Vorlesen darf ja auch Spaß machen.
- Anais Vaugelade: Steinsuppe
- Ein düsteres und melancholisches Buch über Misstrauen und Suppe. Die Tiere eines Dorfes bekommen Besuch vom Wolf, der angeblich nur seinen Stein kochen möchte – und sind hin- und hergerissen zwischen Angst und Neugier, Geselligkeit und Schauder. Wenige Kinderbücher können so komplexe Gefühle wie die des Wolfes mit wenigen Worten umreißen.
Sven Nordqvist: Findus und Pettersson Über das Leben eines alten Mannes und seines kleinen Katers in der schwedischen Provinz gibt es eine Reihe von Büchern, die lustige bis aufregende Geschichten mit einer sehr realistischen Darstellung des Alltags verbinden: Der Alte ist (theoretisch) ordnungsliebend, aber (praktisch) leicht chaotisch, der Kater liebt das Chaos und leckeres Essen. Der Alte möchte auch mal seine Ruhe haben, der Kater will genau dann irgendwas unternehmen/Lärm machen/sich unterhalten... Wer das nicht kennt, hat keine Kinder, und auch Kinder freuen sich, wenn sie ihr Leben im Buch wiedererkennen. Wenn die Kinder das fünfte Jahr durchleben, kann man die Zahl der Bilder schrittweise reduzieren, weil ihr Blick sich eh während des Vorlesens konzentriert ins Nichts richtet. Jetzt kommen Otfried Preußler und Astrid Lindgren ins Spiel, deren Geschichten in der Regel sparsam illustriert sind. Es war einmal eine kleine Hexe, die war erst einhundertsiebenundzwanzig Jahre alt, und das ist für eine Hexe ja noch gar kein Alter...
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