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Über-Ich
Da habe ich nach jahrelanger (Reines Statussymbol!
) ermüdender (Viel zu teuer!
) Diskussion (Wer telefoniert denn heutzutage noch!
) mit meinem inneren (Wir haben doch schon einen iPod Touch!
) laggard (Das alte Nokia funktioniert einwandfrei!
) den Kauf eines iPhone 4 durchsetzen können – und dann das.
Das Konsultieren von Wikipedia auf freiem Feld – wie lautete Mahatma Gandhis bürgerlicher Name? – entlockte dem laggard zwar widerwillige Zustimmung, aber das tatsächlich umwerfende Retina-Display brachte die bis dahin völlig unumstrittene Entscheidung für ein iPad nachträglich in Misskredit (Verfrühter Impulskauf!
). Wenn Apple morgen einen iPod Touch mit UMTS-Unterstützung und Retina-Display vorstellen sollte, kann ich mir sämtliche Gadget-Investitionen für die nächsten Jahre abschminken.
2010-08-31
Mr. Hyde, MdL
Der neue hessische Sozialminister hat ein für einen CDU-Politiker makelloses Privatleben – er ist Vater zweier erwachsender Söhne
(wir alle kennen diese Phase), liest, wandert und kocht gern. Außerdem spielt er Skat und Doppelkopf.
Um aber sowohl Neid als auch Argwohn im Keim zu ersticken, räumt er fast beiläufig eine obsessive Faszination für eine Musikkapelle ein, die ihrerseits jahrelang ausgefallene Sexualpraktiken, Drogenmissbrauch und Gewalt verherrlicht hat. Was für ein schlauer Fuchs.
2010-08-31
Optimist
Rabbi Ovadia Josef neigt in fortgeschrittenem Alter dazu, den Allmächtigen unnötig zu behelligen:
Möge Gott eine Plage über [Menschen, die Israel hassen] bringen und über all die schlechten Palästinenser, die Israel verfolgen.
Selbst wenn letztere Gruppe nicht eine Untermenge der ersten wäre – haben Israelis und Palästinenser die Lebensbedingungen im Nahen Osten bisher nicht auch ohne Gottes Hilfe recht unerfreulich gestaltet? Vielleicht weiß Rabbi Josef einfach mehr als andere über die kommende Runde der Friedensgespräche und möchte das Ergebnis prophylaktisch etwas relativieren.
2010-08-30
Rassist
Nachdem Sarrazins Vermeidungsstrategie nicht aufgegangen ist, hat er sich offenbar kurzfristig für den klassischen Rassismus entschieden und dann konsequenterweise auch gleich für eine in Deutschland zeitweise sehr erfolgreiche Variante.
2010-08-30
Bildungsresistenz II
Präziser als Hannelore Faulstich-Wienand kann man die angebliche Jungenschädigung
des deutschen Bildungssystems nicht kommentieren:
Die Debatte um die Jungenförderung hat so einen larmoyanten Grundton. Erst einmal sollten wir uns über die positive Entwicklung bei den Mädchen freuen. Über Jahrhunderte wurde ihnen nichts zugetraut: erst keine höhere Bildung, dann kein naturwissenschaftlich-technisches Verständnis. Sie mussten sich vieles erstreiten. Nun müssen die Jungen zeigen, dass sie in der Lage sind, mit den Mädchen mitzuhalten.
2010-08-30
Kulturalist
Mit seinem neuen Buch über die Abschaffung Deutschlands möchte Dr. Thilo Sarrazin größtmögliches Aufsehen erregen, ohne als Rassist bezeichnet zu werden. Deshalb legt er Wert auf die Feststellung, er ziele nicht auf ethnische, sondern auf kulturelle Abgrenzungen
, und das von ihm diagnostizierte kulturelle Problem
sei eben in der Gruppe der muslimischen Migranten verankert
.
Da hat er die Rechnung aber ohne die moderne Rassismusforschung gemacht.
2010-08-28
Maximum Tolerance
Der rechte amerikanische Komödiant Greg Gutfeld möchte der Toleranz seiner islamischen Mitbürger/innen auf die Sprünge helfen, indem er einem geplanten islamischen Gemeindezentrum eine Schwulenbar zur Seite stellt. Sehr nett! Aber warum bezieht er nicht auch die christliche Rechte in die Toleranzoffensive ein? Eine Abtreibungsklinik würde das Ensemble doch sehr gut ergänzen und den heruntergekommenen Ruf New Yorks als modernes Babel wieder zu alten Ehren bringen.
2010-08-27
Blockbuster
Alternative Realitäten ohne Drogen und Hirnkonnektoren – wenn ich ein wenig Geld übrig hätte, würde ich mir sofort die Filmrechte am State of Jefferson sichern.
2010-08-27
Altmodisch
Nicht alle großen IT-Unternehmen folgen dem aktuellen Trend zu kurzen, gut memorierbaren URLs. Hewlett-Packard etwa präferiert Adressen der Form
http://h20435.www2.hp.com/t5/Voodoo-Blog/The-HP-s-Slate-Device-Runs-The-Complete-Internet-Including-Flash/ba-p/53838
Die etwas sperrige URL enthält nach Auskunft eines HP-Mitarbeiters eine Art Nummernschild
des zuständigen Servers. John Gruber hält diese Art der Referenzierung für crazy [...] cryptic, and ugly
. Ich dagegen finde es sehr gemütlich, dass ein aufgeregter Mensch bei den HP-Webmastern anrufen kann und –
Ach, der alte h20435 in Dayton! Ja, der hat so seine Macken... wir kümmern uns darum.
Das ist doch viel sympathischer als die Praktiken gewisser anderer Firmen, in deren Datenzentren tausende von commodity web servers anonym und ohne Anerkennung vor sich hinserven.
2010-08-26
Elch
Merlin Mann hat kürzlich angeboten, die Druckfassung von The Art of Computer Programming in HTML zu replizieren und mit dem Internet Explorer 8 auszugeben. Oder wie soll man seine spöttischen Bemerkungen über den Umfang einer LaTeX-Distribution interpretieren?
2010-08-26
Ungefährdet
Bei der Diskussion über die Veröffentlichung der Wohnorte von Sexualstraftätern fällt auf, dass als potentielle Opfer meine Enkelin
(Rainer Wendt, Vorsitzende der Polizeigewerkschaft), ein kleines Mädchen
(Joachim Herrmann, bayerischer Innenminister), Kindergartenkinder (Sabine Leutheusser-Schnarrenberger, Bundesjustizministerin) sowie unsere Kinder
(Dorothee Bär, CSU-Bundestagsabgeordnete) genannt werden.
So ernst das Thema ist: Es ist doch sehr beruhigend, dass erwachsene Frauen (und Männer) offenbar überhaupt keine Angst vor Sexualstraftätern haben müssen.
2010-08-25
In-N-Out: Double Infringement
Es gibt Menschen, die sich gefrorene In-N-Out-Burger per Express von der West- an die Ostküste schicken lassen und den Beispielburger anschließend per reverse engineering (gestützt auf die In-N-Out-Nährwerttabelle) nachbauen. Bevor man aber jetzt milde über verrückte amerikanische Geeks lächelt – manchem equinux-Kollegen würde ich das auch zutrauen.
2010-08-25
Missing Link
Es ist schon so lange her – ich kann mich gar nicht mehr erinnern, wie ich als Linkshänder vor 30 Jahren brutal umgeschult wurde, und wie ich mir später (heimlich!) das Schreiben mit der linken Hand selbst beibrachte. Auch das Gefühl, irgendwie anders zu sein
, überfordert von einer fremden Welt
muss ich erfolgreich verdrängt haben. Sogar die aktuelle Diskriminierung – jeden Tag muss ich Messer, Saucenlöffel, Stifte und Geldbeutel für Rechtshänder benutzen – ich empfinde sie nicht! Den Tag der Linkshänder am 9. August lasse ich regelmäßig ohne Demonstrationsteilnahme verstreichen.
Entsetzlich, wie mich die jahrzehntelange Misshandlung abgestumpft hat.
2010-08-25
Händler Johann
2977 Wörter über die Vorzüge und den Erfolg von Trader Joe's und die Übernahme durch die schlauen Albrecht-Brüder – und kein Wort über eine Expansion nach Deutschland. Das nehme ich persönlich.
2010-08-25
Kompliziert
In unserer Zeit sind nicht einmal die Rechtgläubigen vor verwirrender Komplexität gefeit. Genügte bisher die einfache Einteilung aller Handlungen in halal, haram und fard, hat Ayatollah Ali Khamenei am 13. Dhu'l-Hija im Jahre 1430 des Propheten eine vierte Kategorie eingeführt: nicht kompatibel
mit den Werten der Islamischen Republik Iran.
Während ein Verzicht auf Musik – halal, aber nicht kompatibel – keine Gewissenskonflikte verursacht, können die Gläubigen nur hoffen, dass das Studium der Hadith nicht irgendwann als nicht kompatibel
gilt.
2010-08-25
Ruiniert
Entgegen der Befürchtungen des BDUI-Präsidenten hat Katja Günther keine Chance mehr, den guten Ruf seriöser Inkassotätigkeit
zu gefährden, nachdem sich die Filmindustrie des Themas angenommen hat.
2010-08-25
Diagramme
Erlaubt die Tatsache, dass es den Bechdel-Test laut Google nicht als UML-Diagramm gibt, Rückschlüsse darauf, wie groß die Schnittmenge zwischen Feminist/innen und Geeks in einem Venn-Diagramm wäre?
2010-08-25
Bildungsresistenz
Nachdem der physiologische Schwachsinn des Weibes
in der seriösen Diskussion nicht mehr widerspruchslos akzeptiert wird, haben sich Experten in der Tradition von Dr. Möbius auf die geschlechtlich bedingte Bildungsresistenz männlicher Kinder verlegt: Für Jungs sei das echte Leben [...] die bessere Schule
. Wohl wahr: Ledrig-kruppstählerne Männer wachsen nicht an blutleeren Lernschulen
heran.
Wenn es aber für die von Geburt an vernagelten Jungs keine Hoffnung auf höhere Bildung gibt, bleibt nur die Hoffnung auf viele weibliche Neugeborene in den nächsten Jahren, die später als gut ausgebildete Akademikerinnen das Heer der männlichen Hilfsarbeiter alimentieren. Und meine Rente zahlen.
2010-08-25
Zu früh gefreut
Ein Texteditor für das iPad mit DropBox-Anbindung? Weihnachten! Oder auch nicht. Elements 1.0 schafft es die erwiesenermaßen zuverlässige DropBox-Synchronisation durcheinanderzubringen und immer wieder geänderte Versionen einer Datei durch die ursprüngliche Version zu ersetzen. Immerhin: So muss ich das brave SimpleNote erstmal nicht ausmustern.
2010-08-19
Bloated
BBEdit spielt die Rolle von Perl im Bereich der Textmanipulation mit seinen Clippings, Stationeries, Markup/Text Functions, Text Factories, Automator Actions, AppleScripts, Unix Scripts und Unix Filters mittlerweile so überzeugend, dass ich mich nach einem python-artigen Editor für den Mac sehne.
2010-08-19
Hacker
Seit ich auf Empfehlung Merlin Manns DTerm verwende, wird es in meinem Kopf etwas unübersichtlich:
- Command-Space: Spotlight
- Shift-Command-Return: DTerm
- Control-Alt-Space: Things
- Control-Command-Space: Yojimbo
- Control-Return: Typinator (QuickSearch)
- Command--: DragThing (Docks)
Außerdem fühlt man sich als Tastaturbenutzer im Zeitalter der Touchscreens zunehmend wie ein Abakus-Meister: Schnell, aber kauzig.
2010-08-19
Existenzberechtigung
Ich muss mich in aller Form bei Opera dafür entschuldigen, dass ich den sympathischen Browser der Irrelevanz bezichtigt habe. Tatsächlich ist Operas Presto-Engine die einzige neben Trident und dem teuren Prince XML, die die CSS-Regel @page unterstützt.
Weil die kostenlose Druckausgabe von HTML-Dokumenten auf dem Mac damit vollständig vom Wohlergehen der Norweger abhängt, wünsche ich Opera ein langes und erfolgreiches Leben.
2010-08-19
Nettigkeit
Auch Alice Schwarzer hat sich mit dem Fall Kachelmann befasst und in diesem Zusammenhang offenbart, dass sie Kachelmann bisher eigentlich immer geschätzt
hat. Dennoch:
Auch nette Männer vergewaltigen manchmal, Kollege Kachelmann. Leider.
Das ist eine bemerkenswert entspannte Haltung zum Tatbestand der sexuellen Gewalt, die im Umkehrschluss immerhin bedeutet, dass Vergewaltiger manchmal nette Männer sind. Wenn das so ist, kann persönliche Nettigkeit ja eigentlich auch mit anderen Gewaltverbrechen (Auch nette Frauen morden manchmal mit einer Axt
) kombiniert werden. Wie beruhigend, dass das Böse in der Welt nicht nur banal, sondern auch nett sein kann.
2010-08-17
Vogelfrei
Ein Mitglied der französischen Regierung hat kürzlich bekannt gegeben, dass man sich künftig entscheiden müsse, ob man ein voyou oder ein Franzose sein wolle. Bei eingebürgerten Franzosen ergibt sich daraus kein Problem – es gibt ja in der Regel eine vorangehende Staatsbürgerschaft, die der betreffende voyou wieder annehmen könnte, und die französische Administration hat hinreichend Erfahrung mit Ausbürgerungen.
Was aber macht man mit französischen Gaunern, denen eine ausländische Herkunft auch nach intensiver Recherche nicht nachzuweisen ist? M. Estrosi sollte sich mal mit Mr. Lieberman zusammensetzen und eine gemeinsame Strategie für ausgebürgerte Staatsbürger entwickeln.
2010-08-17
Deal of the Day
Ich bin Aldi, Lidl und Netto aus tiefstem Herzen dafür dankbar, dass sie uns vor dem andernorts üblichen Coupon-Unwesen bewahren (das die davon betroffenen Menschen zu maximaler Zeitverschwendung animiert). Natürlich lege ich die Stirn angesichts der Arbeits- und Produktionsbedingungen, die mit den Discounter-Preisen einhergehen, ordnungsgemäß in tiefe Falten.
2010-08-17
Joseph Lieberman, LL.B.
Die Bush-Administration hätte sich den ganzen Ärger um das Guantánamo Bay detention camp wirklich sparen können, wenn sie frühzeitig auf Joe Lieberman gehört hätte. Anlässlich der übereilten Anwendung der sogenannten Miranda-Warnung gegenüber einem mutmaßlichen Gesetzesbrecher gab Senator Lieberman zu Protokoll:
I think it’s time for us to look at whether we want to amend that law to apply it to American citizens who choose to become affiliated with foreign terrorist organizations, whether they should not also be deprived automatically of their citizenship, and therefore be deprived of rights that come with that citizenship when they are apprehended and charged with a terrorist act.
Mit den rights that come with that citizenship
bezieht sich Lieberman auf den fünften und des sechsten Verfassungszusatz der US-Verfassung, die tatsächlich sehr unglücklich formuliert sind:
No person shall be held to answer for a capital, or otherwise infamous crime, unless on a presentment or indictment of a Grand Jury, except in cases arising in the land or naval forces, or in the Militia, when in actual service in time of War or public danger; nor shall any person be subject for the same offense to be twice put in jeopardy of life or limb; nor shall be compelled in any criminal case to be a witness against himself, nor be deprived of life, liberty, or property, without due process of law; nor shall private property be taken for public use, without just compensation.
In all criminal prosecutions, the accused shall enjoy the right to a speedy and public trial, by an impartial jury of the State and district where in the crime shall have been committed, which district shall have been previously ascertained by law, and to be informed of the nature and cause of the accusation; to be confronted with the witnesses against him; to have compulsory process for obtaining witnesses in his favor, and to have the Assistance of Counsel for his defence.
No person
? The accused
? Da könnte ja jeder kommen! Es muss natürlich heißen:
No U.S. citizen shall be held to answer for any capital, or otherwise infamous crime, unless on a presentment or indictment of a Grand Jury, except in cases arising in the land or naval forces, or in the Militia, when in actual service in time of War or public danger; nor shall any U.S. citizen be subject for the same offence to be twice put in jeopardy of life or limb; nor shall be compelled in any criminal case to be a witness against himself, nor be deprived of life, liberty, or property, without due process of law; nor shall private property be taken for public use, without just compensation.
In all criminal prosecutions, the accused U.S. citizen shall enjoy the right to a speedy and public trial, by an impartial jury of the State and district where in the crime shall have been committed, which district shall have been previously ascertained by law, and to be informed of the nature and cause of the accusation; to be confronted with the witnesses against him; to have compulsory process for obtaining witnesses in his favor, and to have the Assistance of Counsel for his defense.
Kombiniert man diese kleinen Verfassungsänderungen mit der vorgeschlagenen Entziehung der Staatsbürgerschaft, steht der endgültigen Durchsetzung einer freiheitlich-demokratischen Werteordnung in Afghanistan praktisch nichts mehr im Weg.
2010-08-17
Zuchtfunk
Die Infektion durch die Unterhaltungslogik
respektive die vom Volk bezahlte Verblödung
im öffentlich-rechtlichen Rundfunk ist wirklich eine Schande. Der Verfall der Sitten geht mittlerweile so weit, dass hübsche Sprecher und nette Sprecherinnen bevorzugt eingestellt werden! Angesichts der traurigen Lage bleibt wohl nur die von Jens Jessen vorgeschlagene Wiederaufzucht eines gebildeten Publikums
durch grundlegend umgebaute Zuchtfunkanstalten. Immerhin steht durch den demographischen Wandel im Osten reichlich Platz zur Verfügung.
2010-08-17
Reeder vs. NetNewsWire: 6:3
Bis gestern war NetNewsWire auf allen Plattformen mein bevorzugter RSS-Reader, heute habe ich ihn auf dem iPad durch den Reeder ersetzt. Was ist passiert?
Begeisterte Rezensionen hatten mich vor einigen Monaten dazu gebracht, Reeder zu installieren. Ich war nicht begeistert. Während sich NetNewsWire am iOS-Farbschema orientiert und ungelesene Nachrichten leicht erkennbar sind, präsentiert Reeder eine einheitlich grau-beige Oberfläche (0:1). Darauf sind die in Google Reader angelegten Ordner zu sehen – nicht aber die einzelnen Feeds. NetNewsWire zeigt alle Feeds auf einen Blick in ihrem jeweiligen Ordner (0:2). Erst nach einigen Stunden wurde mir klar, dass ich die Ordner durch die Zoom-Geste öffnen konnte. Das wiederum sieht sehr cool aus (1:2).
Reeder punktet auch mit verschiedenen Ansichten (Unread/Starred) für den Inhalt von Ordnern und einzelnen Feeds. NetNewsWire bietet nur eine Ansicht für sämtliche Starred-Einträge und eine Liste der neuesten Nachrichten aus allen Feeds (2:2).
Die ersten Zeilen einer Nachricht zeigt in der Listenansicht nur Reeder, NetNewsWire beschränkt sich auf die Überschrift (3:2). Über ein spezielles Icon kann ich in NetNewsWire zur nächsten ungelesenen Nachricht springen (von der letzten Nachricht eines Feeds springt NetNewsWire irritierenderweise zum nächsten Feed) – Reeder implementiert diese Funktion dagegen über zwei Buttons zum Auf- und Abwandern innerhalb eines Feeds (4:2).
Nur im Reeder lassen sich Nachrichten gezielt als ungelesen markieren (5:2). Ich nutze diese Funktion oft für Nachrichten, die nicht wichtig genug sind für einen Stern, die aber nicht völlig untergehen sollen. Beide Markierungen lassen sich sowohl über Icons als auch (in der Listenansicht) über Wischgesten (links/rechts) zuweisen (6:2).
NetNewsWire gelingt noch ein Anschlusstreffer mit der Navigation innerhalb der Browser-Ansicht: Es gibt nur einen Back-Button, während Reeder zwischen dem Zurück zum Feed-Eintrag
- und dem Zurück zur letzten Seite
-Button differenziert. Dadurch lande ich regelmäßig versehentlich wieder im Feed (6:3).
Fazit: Die einzige echte Schwäche von Reeder ist die unnötige papierähnliche Anmutung und die zu dezente Farbgebung.
2010-08-16
Simplicissimus
Auf dem Gebiet der Umstandskrämerei muss ich regelmäßig und neidlos die Überlegenheit anderer Menschen anerkennen. Um die normale Ausgabe eines Python-Skripts in eine Datei umzuleiten, kann man so vorgehen:
# open our log file so = se = open("%s.log" % self.name, 'w', 0) # re-open stdout without buffering sys.stdout = os.fdopen(sys.stdout.fileno(), 'w', 0) # redirect stdout and stderr to the log file opened above os.dup2(so.fileno(), sys.stdout.fileno()) os.dup2(se.fileno(), sys.stderr.fileno())
Es ist sicher richtig, dass os.fdopen und os.dup2 auch mal was für ihr Geld tun sollen, aber man könnte es allen Beteiligten auch einfacher machen:
log_file = open("%s.log" % self.name, 'w', 0) sys.stdout = log_file sys.stderr = log_file
Oder noch einfacher. Ganz einfach? Offenbar nicht.
2010-08-16
Plattformübergreifende Nervensägen
Aus unerfindlichen Gründen kopieren alternative Plattformen mit Vorliebe die unbeliebtesten Features von Microsoft Windows, während Microsoft hauptsächlich gute Ideen von seinen Wettbewerbern übernimmt.
Canonical spielt bei diesem Spiel nicht mehr mit und schafft den Notification Area in Ubuntu ab. Es steht leider nicht zu erwarten, dass das Growl-Projekt diesem lobenswerten Beispiel folgt. Wenigstens hat es Microsoft Bob nicht auf meinen Mac geschafft.
2010-08-16
Gemeinschaft
Im Blog BoingBoing wurde angesichts eines Parasiten, der sich an die Augen von Haien hängt, ohne die Haie weiter zu stören, nach einem deutschen Wort gefragt, für
something that gives other people the screaming heebie-jeebies, but about which the person actually affected does not care
Daraufhin machten gleich mehrere deutschsprachige Kommentatoren den Vorschlag, der mir spontan in den Sinn kam: Fremdekel. Jetzt fühle ich mich ein wenig zuhauser in Deutschland und freue mich der ausdrucksreichen deutschen Sprache.
2010-08-13
Unartig
Seitdem ich die heiße Phase meines Spracherwerbs abgeschlossen habe, hat sich doch einiges geändert. Zum Beispiel bin ich bis heute davon ausgegangen, dass man sich nur widersetzen
kann, wenn man eigentlich gehorchen müsste. Weit gefehlt: Auch der Wehrbeauftragte des Deutschen Bundestages kann sich dem Verteidigungsminister widersetzen, ohne dafür Soldat werden zu müssen. Vielleicht hängt das ja mit der natürlichen Autorität des niederen Adels zusammen, die auch durch die respektlose Gesetzgebung der Sozen nicht gebrochen werden konnte.
2010-08-13
M.I.R.C.S.
Wenn man Dateien für Microsoft Word mit Python generieren möchte, wird man mit dem Pendant zum bekannten K.I.S.S.-Prinzip konfrontiert.
PyRTF, die offensichtlichste Wahl, kann nur mit ASCII-Strings umgehen, pyrtf-ng kann zwar Unicode, lässt sich aber nicht mehr herunterladen.
python-docx wiederum stützt sich auf das lxml-Modul, das sich nicht mit den veralteten libxml2- und libxslt-Bibliotheken von Mac OS X versteht.
Ist python-docx schließlich installiert, funktioniert nur das Testskript, und das auch nur im Installationsordner. Schon nach einer Stunde ist dann klar, dass der Ordner docx-template nicht unter /System/Library/Frameworks/Python.framework/Versions/2.6/lib/python2.6/site-packages/, sondern auch unter /Library/Python/2.6/site-packages erwartet wird, und das Installationsskript nur vergessen hat, den Ordner richtig abzulegen. Da hätte man aber auch gleich drauf kommen können!
Immerhin lassen sich anschließend 522 DOCX-Dateien wie im Flug generieren. Hätte ich ODF-Dateien erstellen wollen, wäre ich dank odfpy einige Stunden früher fertig gewesen. Diese OSS-Leute sind wirklich unerträglich effizient.
2010-08-13
Komikfrei
Neben hämischem Spott muss Comic Sans jetzt auch noch eine Behandlung erdulden, die sonst nur Flash zuteil wird: Die Safari-Extension Comic Sans Be Gone blockiert Comic Sans (und ersetzt sie auf allen Seiten durch Helvetica). Abgesehen davon, dass Sans Comic Sans
ein lustigerer Name gewesen wäre – diese ständigen Demütigungen werden irgendwann Folgen haben.
Sogar im Büroalltag wird die arme Schrift behandelt wie Milton.
2010-08-13
Ein Freund, ein guter Freund
Die britische Regierung weiß, was sich gehört. Sie hält auch dann noch zu einem altgedienten Mitarbeiter, wenn sich selbst dessen Mutter resigniert abwendet. Und da heißt es immer, die Lady Thatcher habe die Macht der Gewerkschaften im Vereinigten Königreich gebrochen.
2010-08-13
Nachzügler
Die stolze Präsentation trivialer Erkenntnisse durch amerikanische Naturwissenschaftler ist etwas aus der Mode gekommen. Genau genommen wurde sie ersetzt durch die Vorstellung absurder Forschungsergebnisse internationaler Wirtschaftswissenschaftler. Da die Wirtschaft heutzutage sämtliche Lebensbereiche umfasst, haben diese nämlich auch die Freiheit, sich auch etwas weniger naheliegenden Themen wie der Fortpflanzung zu widmen.
Aber selbst im Bereich ihrer Kernkompetenz kommen Wirtschaftswissenschaftler auf die lustigsten Ideen. bieten sich immer wieder Gelegenheiten, Absurdität zu erzeugen. Jacob Goldenberg etwa hat kürzlich herausgefunden, dass 16% der US-amerikanischen Konsumenten sämtliche Werbekampagnen für neue technische Spielzeuge ignorieren und erst dann ein Gerät kaufen, wenn das bisher verwendete Gerät tatsächlich irreparabel defekt ist.
Durch dieses Verhalten geraten die von Mr. Goldenberg als laggards
bezeichneten Menschen manchmal versehentlich in die Rolle von Avantgardisten – wenn z.B. ihr treuer Walkman am selben Tag den Geist aufgibt, an dem ein brandneuer iPod verfügbar ist. Damit können sie einen Schneeballeffekt unter anderen laggards
auslösen, der den Markterfolg eines Produktes entscheidend beeinflussen kann.
Mr. Goldenbergs geniale Schlussfolgerung: Hersteller sollten ihre Werbekampagnen auf die per Definition werberesistenten Menschen ausrichten, um diesen Schneeballeffekt gezielt auszulösen. Wenn das Prinzip von Angebot und Nachfrage in dieser schönen neuen Welt noch Gültigkeit hat und Goldenberg und Kaplan einen Schneeballeffekt unter ihren Kollegen auslösen, müsste die Kursgebühr für Deductive Reasoning 101 langsam anziehen.
2010-08-10
Spezialisierung
Der Rauch des Schlachtengetümmels lichtet sich, und die Umrisse der künftigen Weltordnung werden langsam sichtbar: Das elegante, den Künsten zugewandte Reich von Safari grenzt an das moderne, technikverliebte Fürstentum Chrome. Beide konkurrieren um die globale Vorherrschaft, während hoch im Norden die IE-Diktatur ihr jämmerliches Dasein fristet. Den drei autokratisch regierten Gebilden gegenüber steht die freie Republik Firefox, die sich den Schutz der Privatsphäre ihrer Bürger auf die Fahnen geschrieben hat.
Eigentlich sollte jeder aufgeklärte Mensch in dieser ehrenwerten Republik leben – wenn nur die Fenster in Safari nicht so schick wären!
2010-08-10
Security Through Obscurity
Es ist nicht immer beruhigend, Näheres über das Sicherheitskonzept des eigenen Backup-Anbieters zu erfahren:
Wienholtz ist aus seinem metallicgrauen BMW-Sportwagen gestiegen, hat sich die Hände in die Hosentaschen gesteckt und erklärt noch einmal, mit welchen Strategien sich die digitalen Schätze all dieser Menschen schützen lassen. Man könne einen Sicherheitstrakt errichten. Man könne Männer mit Gewehren an die Eingänge stellen. Massive security nennt das Wienholtz, 35 Jahre alt, ein feiner Bartstreifen umrahmt sein Kinn. Man könne die Computertürme auch in einem Stahlbetonbunker versenken.
Oder man macht es wie wir, sagt Wienholtz.Man packt das Rechenzentrum irgendwohin, wo es nicht auffällt. Man bindet es in urbane Strukturen ein.Zwischen dem Bartstreifen formt sich ein Lächeln. Wienholtz, der Technikvorstand, schaut wie einer, der sich etwas sehr Kluges ausgedacht hat.
Als perfekte Ergänzung dieser Strategie betrachtet der Herr Technikvorstand eine Geheimhaltungserklärung, die mit 5000 Euro Vertragsstrafe bewehrt ist. Sehr lustig, Herr Wienholtz! Eine unauffällige Fassade für meine wertvollen Daten kann ich selbst aufbauen, von Ihnen erwarte ich den Stahlbetonbunker und das schwer bewaffnete Wachpersonal, so wie ich es aus Funk, Fernsehen kenne.
2010-08-10
Preisgefälle
Offenbar verdienen Übersetzer doch deutlich besser als erwartet. Das wundervolle Bilderbuch The Arrival
von Shaun Tan, in dem außer dem Titel (Ein neues Land
) und dem Klappentext nichts übersetzt werden musste, kostet in der gebundenen englischen Ausgabe bei Amazon 16,70 Euro, in einer vergleichbaren deutschen Ausgabe dagegen 29,90 Euro. Oder sollte der Preisunterschied ganz andere Gründe haben?
Falls das so sein sollte, möchte ich mich in aller Form beim Börsenverein des deutschen Buchhandels dafür entschuldigen, dass ich mich beim Kauf von The Arrival
nicht an der wichtigen und kulturfördernden Quersubvention unpopulärer Titel im Rahmen der Buchpreisbindung beteiligt habe.
2010-08-09