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Die Speerspitze des Pluralismus
Vor einigen Monaten noch rätselten die Katholiken, warum ihr spiritueller Vater einem Holocaust-Leugner die Rückkehr in den Schoß der Kirche ermöglicht. Dann fragten sie sich, warum Kinderschänder jahrzehntelang vor Strafverfolgung geschützt wurden.
Erst die Warnung des Papstes vor dem Internet als potentielles Gleichschaltungsorgan
zeigt, welches strategisches Konzept hinter diesen Entscheidungen steht. Mittlerweile haben nämlich auch katholische Würdenträger gemerkt, dass die Exkommunikation als Drohung nur noch in Einzelfällen funktioniert, und selbst die deutschen Ultramontanisten ihren Kampf für das Kreuz unter dem Banner der Toleranz für alle Religionen führen.
Da liegt es doch nur nahe, den hippen Pluralismus für sich zu reklamieren und so lange milde über alle Sünden hinwegzusehen, bis die Unam Sanctam wieder ein ehrfurchtgebietendes Gebäude ist (in der Hoffnung, dass nicht wieder französische Söldner marodierend durch Rom ziehen).
Vor diesem Hintergrund zeugt auch die Entschuldigung des britischen Außenministers für ein innovatives Papier zum Papstbesuch in London von wenig Weitsicht: Hätte man dem Heiligen Vater tatsächlich vorgeschlagen, eine Abtreibungsklinik einzuweihen, eine Homo-Ehe zu segnen oder nach ihm benannte Kondome zu verteilen – er hätte wohl hocherfreut eingewilligt und im Gegenzug Ihrer Majestät die heilige Kommunion angeboten.
2010-04-26
Versuchung
Nach Ansicht von Wired hat Google eine Gelegenheit verpasst, im dritten Weltkrieg einen Propagandaerfolg zu landen. Konkret hat das Unternehmen es versäumt, die öffentlich geäußerten Bedenken der Datenschutzbeauftragten einiger Länder und die Rechtshilfeersuchen der Regierungen derselben Länder zueinander in Beziehung zu setzen.
Peter Kirwin macht in seinem Bewerbungsschreiben für Googles PR-Abteilung klar, welche Chance die momentanen Stelleninhaber vertan haben:
Governments might be keen on regulating Google, but they also represent a huge threat to privacy in their own right. Google itself acts as a restraining influence on their behaviour. This week, the company confirmed that it sometimes
refuses to produce informationortries to narrowthe requests for data made by governments.
Peter Schaar würde sich vermutlich gegen die Unterstellung verwahren, er sei ein Repräsentant der Bundesregierung. Davon abgesehen erlaubt die Argumentation von Moff Kirwin, Google müsse alle möglichen Informationen sammeln dürfen, um dann im Einzelfall den Zugriff darauf verwehren zu können, eigentlich nur einen Schluss: Die Kontaktaufnahme auf dem Berg Sinai mit Mountain View sollte sich habituell und inhaltlich deutlich stärker am Vaterunser orientieren als der ehrfurchtfreie Brief der Datenschutzbeauftragten.
2010-04-25
Bedingungslose Armut
Die Synthese des real existierenden Kapitalismus mit der Kuscheligkeit einer gut funktionierenden WG soll derzeit das bedingungslose Grundeinkommen (BGE) ermöglichen. Eine feine Idee, zumal sich mit dem BGE sehr hübscher Schaum vor dem Mund von FDP-Politikern erzeugen lässt.
Im wirklichen Leben muss sich trotzdem jeder Staat entscheiden, ob Menschen im eigenen Land vor Hunger krepieren sollen. Wenn man das nicht möchte, muss man ihnen irgendwas geben, und Geld lässt sich billiger verteilen als Essen und Kleidung. Die Union hat etwas länger gebraucht, um Deutschland als nicht-klassisches Einwanderungsland
zu akzeptieren, die FDP wird irgendwann das nicht selbständig erwirtschaftete Einkommen
akzeptieren. Schwamm drüber.
Was sich allerdings noch schneller erledigen wird ist die Vorstellung, man könne von einem BGE bequem leben. Das setzt jede Menge Idealisten voraus, die für einen kleinen Aufschlag aufs BGE gern halbtags als Kassierer, Müllwerkerin, Putzmann oder Kellnerin arbeiten. Jede Gewerkschaft wird natürlich reflexartig eine proportionale Erhöhung der Löhne durchkämpfen – den passenden Slogan könnte man sicherlich beim Bundesaußenminister ausleihen – bis das BGE sich durch die rasante Inflation auf dem Niveau der heutigen Sozialhilfe einpendelt.
2010-04-25
Etikettenschwindel
Zur Bologna-Reform haben die meisten Fakultäten ein geschmeidiges Verhältnis entwickelt. Lediglich die Mediziner (mit freundlicher Unterstützung von Dr. med. Philipp Rösler) und die Juristen (mit Unterstützung der halben Bundesregierung sowie eines Viertels des Deutschen Bundestages) können Bachelor und Master offen ablehnen. Natürlich unter Verweis auf das heilige Staatsexamen. Ansonsten wird alter Wein in neue Schläuche gefüllt und auf bessere Zeiten gehofft. Allein – die aufrechten deutschen Ingenieure bekommen bei diesem würdelosen Schauspiel Gewissensbisse und fordern, auch angeblichen Master-Absolventen ein Diplom als Markenzeichen deutscher Ingenieurbildung
zuzuerkennen. Soll denn die ganze Trickserei umsonst gewesen sein?
2010-04-22
Borderline
Der Punkt, an dem eine spirituelle Weltsicht endgültig in erdferne Dimensionen abdriftet, ist nicht immer leicht zu bestimmen.
a few friends and i are meditating at the same time twice a day. 9:30am and 6:30pm eastern standard time, for about an hour and half.
we are picturing smashing apart all of the cancer cells in the world.
we are visualizing taking the energy away from the cancer, and then sending it back at the cancer as lightening bolts that will break apart the DNA and RNA of the cells. if you have the time, please join us in whipping up this lightening storm. mind over matter......
if you prefer to sit then sit, but if you are not used to meditating, or sitting quietly doesn't sound like fun, put on some music and dance while you do the visualization, and if you want to do it at some other time, or picture curing some other illness that's fine too. yoko will be joining the meditation by visualizing all of us dancing with joy to celebrate the world without cancer. all variations are welcome. this is really just being done with a wish for all beings to be cured of all illnesses and to find true lasting happiness.
i'll also be saying prayers for the earthquake victims in tibet, so join in on that if you can too.
please feel free to pass this onto anyone who you think may find it interesting.
with all my love,
adam yauch
Adam Yauch ist jedenfalls ganz nah dran.
2010-04-21
Orientierungslos
Nach etwa einem Jahr ist der chinesische Dissident Gao Zhisheng, der sich nach Angaben der Polizei verlaufen
hatte, wieder aufgetaucht. Bei aller Erleichterung gibt das auch Anlass zu unangenehmen Fragen: Wenn die chinesischen Behörden wissen, wie desorientiert ihre Kritiker sind – und Kritik an den weisen Entscheidungen der KPCh ist ja ein mehr als deutliches Symptom für eine gewisse Verwirrung – warum passen sie dann nicht etwas besser auf sie auf? Die Überwachung der Medien und des Internets sind ja gut und schön, aber viel hilfreicher wäre es doch, die betroffenen Personen morgens beim Brötchenholen zu begleiten. Dann könnte man ihnen auch – weil sie ihre Geldbörse natürlich schon wieder vergessen haben – mit etwas Kleingeld aushelfen und ihren fixen Ideen ein realistisches Bild der staatlichen Umsicht und Hilfsbereitschaft entgegensetzen.
2010-04-17
Digitalgel
Vor einigen Wochen habe ich mit dem Gedanken gespielt, die Volkswirtschaft durch eine Investition in eine teure HiFi-Anlage anzukurbeln. Dass ich diesen Gedanken verworfen habe, lag auch am überambitionierten Händler. Zunächst kommentierte er einige meiner Lieblingsplatten mit den Worten
Na, nicht gerade die besten Aufnahmen, aber wenn's Ihnen gefällt..
um mir dann mit verzücktem Gesichtsausdruck irgendeinen rauschfrei produzierten Singsang vorzuspielen.
Anschließend klärte er mich über die Relevanz teurer optischer Kabel auf. Richtig gute Digitalverbindungen würden an beiden Enden mit einem lichtleitenden Gel eingeschmiert, und den Unterschied zu preiswerten Toslink-Kabeln könne man auch hören. Das war der Moment, an dem ich mich innerlich für einen guten Kopfhörer entschied, offensichtlich zu Recht.
2010-04-17
Antagonisten
Während die Zeit der klaren Fronten in den meisten Lebensbereichen vorbei ist, gibt es im Bereich der populären Musik immer noch beinharte Parteigänger, die die Auffassung, sowohl die Beatles als auch die Stones hätten zu ihrer Zeit ganz annehmbare Musik gemacht, mit finsteren Blicken quittieren.
Interessanterweise hat in den USA die Dichotomie Dylan/Springsteen einen ganz ähnlichen Rang, während man hierzulande Dylan als Genie und Springsteen als Stadionrocker betrachtet. Dabei unterhält Dylan, genau genommen, ja auch schon seit einigen Jahrzehnten a non-critical audience, nourished on the watery pap of pop music mit elektrisch verstärkter Musik.
2010-04-15
Weniger ist mehr
Wie oft hat man schon gedacht: Könnte ich für diese zigfach verwendete Farbe doch eine CSS-Variable definieren! Und, ach, gäbe es nur Mixins, um bestimmte Teile einer Klassendefinition wiederverwenden zu können! Wie sehr hülfen mir verschachtelte Strukturen oder einfache Operationen bei der täglichen Arbeit!
Alexis Sellier und Dmitry Fadeyev haben das Jammern und Händeringen ein wenig zurückgestellt und stattdessen eine Ruby-Erweiterung namens LESS entwickelt, die genau die oben beschworenen Möglichkeiten bietet. LESS-Dateien sind lediglich CSS-Dateien mit einigen Zusatzfunktionen, die sich mit dem LESS-Compiler in gewöhnliche CSS-Dateien umwandeln lassen. Ein Frontend für Mac OS X gibt es natürlich auch.
2010-04-15
Leseschwäche
Nach dem kurzen Tauwetter in der deutschen Familienpolitik hat das Politbüro die Zeichen der Zeit erkannt und die Zügel etwas angezogen. Moderne Männer sind wieder ein Thema für Grüne, die sich dafür als Waschlappen
und Warmduscher
verspotten lassen. Wenn ich richtig gerechnet habe, müsste die Berliner Mauer in etwa vier Jahren fallen.
Passend zum gesellschaftlichen Trend wird auch der gute alte vorlesemufflige Papa wiederbelebt.
Um mich dem Zeitgeist ohne größeren Aufwand entgegenzustemmen und damit ich in einigen Jahrzehnten nicht in meinem unzuverlässigen Gedächtnis nach dem Titel dieses schönen Kinderbuchs von, na, dem Dings, das mit dem kleinen Entchen, das diese, na... suchen muss, veröffentliche ich hiermit eine Liste der schönsten Vorlesebücher. Mit textfreien Bilder- und Fühlbüchern konnten meine Kinder und ich nie besonders viel anfangen.
- Thomas Winding/Ole Könnecke: Was sagt der kleine Bär?
- Ein guter Einstieg sind die Geschichten um einen kleinen Bären, dessen Eltern grundsätzlich an ihm vorbeireden und -handeln – ohne dass das besonders dramatische Folgen hätte: Der kleine Bär schweigt beharrlich und bringt sich jeweils zum Schluss mit einer hilfreichen oder überraschenden Bemerkung wieder ins Spiel. Leider sind sowohl die einzelnen Geschichten als auch der Sammelband derzeit vergriffen.
- Ernst Jandl/Norman Junge: fünfter sein
- Wer seine Kinder schon früh mit anspruchsvoller Lyrik in Kontakt bringen will, sollte die wunderschön bebilderte Version von Ernst Jandls fünfter sein in Betracht ziehen. Die kurze Geschichte ist auch für sehr junge Zuhörerinnen nicht zu komplex, und der gleichförmige Takt macht angenehm schläfrig.
- Hans-Georg Lenzen/Sigrid Fehse Hanck: Viel Spaß mit Onkel Tobi
- Ein weiteres der wenigen Beispiele für gelungene Kinderdichtung ist Onkel Tobi. In vier Geschichten fährt Onkel Tobi einkaufen, bewirtschaftet seinen Hof, macht einen Ausflug und renoviert sein Haus. Der Text dieser unspektakulären Episoden plätschert so elegant dahin, dass sie sich wunderbar vortragen und noch besser auswendig lernen lassen:
Samstag Morgen fährt der Onkel mit dem Wagen in die Stadt, weil er für die nächste Woche manches einzukaufen hat...
- Eric Carle: Die kleine Raupe Nimmersatt
- Etwas konventioneller ist der Klassiker von Eric Carle. Der massenhafte Futterkonsum der Raupe macht kleinen Kindern – und gewissen US-Präsidenten – trotzdem viel Spaß (
Wird immer dicker! Kriegt Bauchweh!
). Eric Carle hat leider gewisse Gemeinsamkeiten mit Leo Lionni: Beide verfügen über einen charakteristischen graphischen Stil, beider Geschichten sind recht harmlos und manchmal etwas moralisch, und speziell die neueren Werke wirken beliebig und konstruiert. - Tomi Ungerer: Crictor, die gute Schlange / Die drei Räuber
- Bevor Tomi Ungerer dazu überging, seine Bilder mit irritierenden Details wie Äxten in Köpfen oder abgetrennten Gliedmaßen zu versehen, hat er ebenfalls sehr schöne Kinderbücher verfasst. Crictor, die gute Schlange wurde bereits 1957 veröffentlicht und berichtet sehr beschaulich vom Leben einer zahmen Boa Constrictor in einer kleinen französischen Stadt. Sehr viel bekannter sind Die drei Räuber, die ein kleines Mädchen vor einer bösen Tante retten und ihre zusammengeraubten Reichtümer schließlich dafür verwenden, ein Kinderheim zu gründen.
- Renée Nebehay/Walter Schmögner: Mrs. Beestons Tierklinik
- Auch Mrs. Beestons Tierklinik hat gewisse Ähnlichkeiten mit einem guten Kinderheim, auch wenn die Bewohner größtenteils erwachsene Tiere sind, die unter ungewöhnlichen Beschwerden (Fluchsucht, fehlende Katzenangst, nach außen gedrehte Füße) leiden. Die Hauptfigur Doubleday ist zwar ein unglaublich niedliches Entchen, aber die phantasievolle Geschichte und der charmante Text vertragen süße Enten und gute Enden, ohne allzu kitschig zu werden.
- Michael Ende/Annegert Fuchshuber: Das Traumfresserchen
- Ein sehr praktisches Buch ist das Traumfresserchen, das neben einer schönen Geschichte – ein König sucht für seine Tochter ein Mittel gegen böse Träume – ein Mittel gegen böse Träume enthält. Ein weiterer Bonus sind die Bilder von Annegert Fuchshuber, die selbst sehr böse Träume zu einem visuellen Genuss machen.
- Reiner Zimnik: Bills Ballonfahrt
- Bills Ballonfahrt verbindet eine vergleichsweise zeitlose Geschichte – ein Junge möchte fliegen und verwendet zur Verwirklichung seines Traums Unmengen von heliumgefüllten Luftballons – mit einer längst vergangenen Darstellung amerikanischen Lebens (große Farmen, unendliche Weiten, sorgloser Wohlstand). Der Zeitkapsel-Effekt ist natürlich eher etwas für die vorlesenden Eltern, aber Vorlesen darf ja auch Spaß machen.
- Anais Vaugelade: Steinsuppe
- Ein düsteres und melancholisches Buch über Misstrauen und Suppe. Die Tiere eines Dorfes bekommen Besuch vom Wolf, der angeblich nur seinen Stein kochen möchte – und sind hin- und hergerissen zwischen Angst und Neugier, Geselligkeit und Schauder. Wenige Kinderbücher können so komplexe Gefühle wie die des Wolfes mit wenigen Worten umreißen.
Wenn die Kinder das fünfte Jahr durchleben, kann man die Zahl der Bilder schrittweise reduzieren, weil ihr Blick sich eh während des Vorlesens konzentriert ins Nichts richtet. Jetzt kommen Otfried Preußler und Astrid Lindgren ins Spiel, deren Geschichten in der Regel sparsam illustriert sind. Es war einmal eine kleine Hexe, die war erst einhundertsiebenundzwanzig Jahre alt, und das ist für eine Hexe ja noch gar kein Alter...
.
2010-04-15
Frech
Das Amtsgericht Düsseldorf hat versucht, Die Linke tief im Westen ein wenig zu entstauben. Leider hört die Partei die Signale nicht und stattdessen verbissen am Slogan
Freche Frauen wählen Die Linke.
fest. Irgendwie erinnert mich das an einen Herrenfriseur alten Stils (Ganz klassisch oder ein bisschen was Freches?
). Wahrscheinlich ist es sogar so gemeint, denn wer ein Edit(h)orial
verfasst, ist zu allem in der Lage.
2010-04-12
Starrsinn
Die ökologischen Folgen der Rinderhaltung sind bekanntlich apokalyptisch, aber die veganen Alternativen sind auch keine Lösung: Sojamilch schmeckt muffig-süß, Hafermilch fettig-süß und Reismilch wässrig-süß. Da lobe ich mir den guten, alten Milchzucker, der sich geschmacklich hübsch im Hintergrund hält. In 60 Jahren werden meine Enkel meinem Arzt vermutlich achselzuckend erklären müssen, warum ich trotz der ganzen Operationen und meiner bescheidenen Rente immer noch nicht von der gefährlichen und sündhaft teuren Kuhmilch lassen kann.
2010-04-12
The Negotiation Limerick File
Ich weiß ja nicht, wie die Beastie Boys die ALAC-Versionen ihrer neu gemasterten Alben herstellen, aber völlig koscher ist die Methode nicht. iTunes jedenfalls kann sie nicht ins AAC-Format umwandeln, und erst ein Umweg über Max (ALAC → ALAC → AAC) befreit die Musik vom versehentlichen DRM.
2010-04-09
Tabakwerbung kann nervig sein
Wenn ich die Argumentation der Tabakindustrie richtig verstehe, soll Tabakwerbung niemanden zum Rauchen verführen, sondern lediglich verständige Menschen bei einer Risikoabwägung unterstützen (Als Zielgruppe für die Vermarktung von Tabakprodukten betrachtet BAT dabei ausschließlich mündige Erwachsene, die verantwortungsvoll mit den unbestrittenen gesundheitlichen Risiken umgehen, die der Cigarettengenuss mit sich bringt.
). Das ist wirklich nett.
Die Werbung selbst scheint sich aber eher an einfach gestrickte, traditionelle Männer mit einem noch traditionelleren Frauenbild zu richten. Ein aktuelles Beispiel ist die Werbung von Villiger, das einen Mann in angeregtem Gespräch mit drei attraktiven Frauen zeigt. Aufschrift:
Freundin weg. Es gibt immer einen Grund zum Feiern.
Damit dringt das Schweizer Unternehmen in eine Domäne vor, die sonst der Geruchsindustrie (vgl. Der Axe-Effekt, Playboy Press to Play) vorbehalten war.
Etwas weniger schmierig, dafür deutlich kumpelschweißiger ist die West-Kampagne, die Männer in Männer-Situationen (Fußballgucken, Kartenspielen) zeigt. Seltsamerweise scheinen bei der Formulierung der prägnanten Slogans kaum richtige Männer beteiligt gewesen zu sein:
100% gutes Blatt
0% guter Bluff
100% echte Jungs
Ein echter Junge kann neben 70% Glück selbstverständlich auch noch 30% Pokerface aufbieten (vgl. Casino Royale). Der Marlboro-Mann hätte das gewusst.
2010-04-09
Übertragungsverlust
Seit der Konvertierung meiner Musiksammlung in das ALAC-Format habe ich auf meinem iPod Touch gewisse Platzprobleme. In einem ausführlichen – und nicht immer harmonischen – Telefongespräch mit Steve Jobs konnte ich zwar nicht die Unterstützung von HD-AAC durch iTunes 9.1 durchsetzen, aber immerhin die durchgängige Verfügbarkeit der Option Convert higher bit rate songs to 128 kbps AAC
für alle iPhone- und iPod-Modelle. Deshalb nehme ich auch die in der hitzigen Diskussion gefallene Bezeichnung Krampfhenne
zurück und entschuldige mich in aller Form.
2010-04-08
Metamorphosen
Merlin Mann erinnert uns daran, dass die Auseinandersetzung zwischen hartleibigen Rechteinhabern und leichtfertigen Rechteignorierern kein neues Phänomen ist. Thomas Edison war nicht nur einer der erfolgreichsten Erfinder des frühen 20. Jahrhunderts, sondern auch ein äußerst aggressiver Patentinhaber, dessen Motion Pictures Patent Company (MPPC) erfolglos versuchte, die Herstellung von Filmen durch hardware-seitige Patente zu kontrollieren. Da mittlerweile die rebellischen Filmstudios von einst zur ähnlich kontrollfixierten Motion Picture Association of America (MPAA) gereift sind, fragt man sich unwillkürlich: Wie werden sich die Filesharing-Anbieter im Jahr 2020 nennen? Motion Picture Distribution Group? Motion Picture Transfer Organization? Und wer werden ihre jungen, kreativen Gegenspieler sein? Die Geschichte bleibt spannend.
2010-04-06
Monothematisch
Heute ist ein schöner Tag, denn ich habe erstmals Feedback zum Inhalt meines Blogs bekommen. Der freiberufliche Software-Entwickler und ehemalige equinux-Kollege Martin Hering, pardon: Martin Hering kommentierte meine Website mit den rätselhaften Worten, man brauche für sie eine Tunnelblick-Brille
. Zuerst nahm ich an, er spiele über die Erwähnung des Tunnelblick-Clients auf ein ähnliches Produkt unseres ehemaligen Arbeitgebers an. Wollte er meine Website als – im Vergleich zu einer vergleichbaren kommerziellen Website – minderwertig schmähen? Das hätte zu seinem umgänglichen Wesen nicht gepasst.
Vielleicht meinte er auch, unabhängig vom Thema VPN, nur mit einer gesichtsfeldbeschränkenden Brille sei die unübersichtliche Themenvielfalt meiner Website einigermaßen zu bändigen. So gern ich das glauben würde: Ich mache mir über den beschränkten Horizont meines Blogs keine Illusionen. Vermutlich wollte er genau das ausdrücken und mich freundlich darauf aufmerksam machen, dass sich alles ständig um dieselben Aspekte derselben Themen dreht. Aber ich sollte die Welt nicht auch noch mit meinem Privatleben und meinem tristen Alltag behelligen, das tun schließlich schon genug Leute auf Facebook und Twitter. Ha! Schon wieder die Tunnelblick-Brille! Sorry, Martin.
2010-04-06
Schluss mit lustig
Nachdem die Bundesministerin für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz realisiert hat, dass Datensammeln sowohl lukrativ als auch verbraucherfeindlich ist, droht sie Mr. Zuckerberg persönlich mit der Löschung ihres Facebook-Profils. Da Facebook ohne den Account von Ilse Aigner nur schwer vorstellbar ist, stellt sich eigentlich nur noch die Frage, welcher Konkurrent die Lücke nach dem absehbaren Konkurs schließen wird.
2010-04-06
Monsters vs. Robots
Staatliche Überwachung, die schwindende Bindungskraft der westlichen Demokratie, die Herausforderung durch wirtschaftlich erfolgreiche Diktaturen – welches Bild von Staatlichkeit werden eigentlich unsere Kinder haben? Freundlicherweise stellt die Filmindustrie in zwei sehr gelungenen Animationsfilmen zwei gegensätzliche Modelle zur Wahl. In Robots wird die Welt so eindeutig von zwei Unternehmen (einem innovativen Konzern und einer Schrottverwerterin) beherrscht, dass staatliches Handeln nicht mehr vorkommt. Das Gewaltmonopol beanspruchen der Sicherheitsdienst des Konzerns und die rabiaten Müllsammler der Schrottverwerterin. Die Führung innerhalb des Konzerns wiederum basiert ausschließlich auf Charisma; die Verwerterin herrscht durch blanken Terror. Dass die Guten schließlich (eher zufällig) gewinnen, bedeutet lediglich den Austausch eines Tyrannen gegen einen BDFL.
Auch der Energiekonzern Monsters, Inc., geht zur Sicherung seiner Stellung und der Energierversorgung der Monster-Welt über Leichen (I'll kidnap a thousand children before I let this company die, and I'll silence anyone who gets in my way!
). Allerdings gilt diese Firmenpolitik nicht nur als unmoralisch, sondern auch als illegal, und der finstere Firmenchef wird schließlich von einer einer Art Polizeibehörde festgenommen. Es gibt kein beruhigenderes Finale als das Klicken von Handschellen.
Obwohl also Monster demokratietheoretisch besser dastehen als Roboter, möchte ich mein Raumschiff weder mit HAL 9000 noch mit einer aggressiven außerirdischen Lebensform teilen.
2010-04-04
Reines Herz
Wie jeder glaubwürdige Dienstleister hält auch die katholische Kirche ihre Funktionsträger an, die eigenen Produkte zu nutzen. Der Augsburger Bischof Walter Mixa wird in diesen Tagen seinem obersten Dienstvorgesetzten vermutlich auf Knien dafür danken, fördert doch eine regelmäßige Beichte die natürliche Verdrängungsfähigkeit des Menschen ganz ungemein.
2010-04-04
The Sound of Inevitability
Facebooks Rekordjagd wird ambitionierter: Nach Myspace und E-Mails überholt die Quatschbude jetzt auch den angejahrten Werbedienstleister Google. Vielleicht kann Eric Schmidt sich schon mal die passende Bettlektüre von Steve Ballmer ausleihen.
2010-04-03
Nachzügler
Monate, nachdem die Avatar-Rezensionen durch die Feuilletons der Welt gebrandet sind, habe ich mir den erfolgreichsten-aber-nicht-mit-Oscars-überschütteten-James-Cameron-Film-aller-Zeiten ebenfalls angesehen. Das wenig überraschende Ergebnis: Dämliche Story, tolle Bilder. Der 3D-Zuschlag hat sich jedenfalls gelohnt.
2010-04-03
Groundhog Day
2009 werden wieder mal neue Versionen der alten Stones-Alben angeboten, die sich nach einem nicht nachvollziehbaren Prinzip teilweise lohnen sollen. Auf den empfohlenen Black and Blue und It's Only Rock'n'Roll hört man tatsächlich bei manchen Songs feine Unterschiede zu den Versionen von 1994, aber – habe ich eigentlich zu viel Geld?
2010-04-02
Optimierung
Meine Bemühungen, den Ressourcenbedarf meiner Websites im Griff zu behalten, waren bisher nur bedingt von Erfolg gekrönt: Auch mit optimierten Datenbankanfragen und Djangos Caching-Modul zeigt mir Virtuozzo in schöner Regelmäßigkeit, dass ich an meine Grenzen stoße respektive die black zone in Bezug auf den Parameter othersockbuf betrete.
In dieser dramatischen Lage erinnere ich mich an das Apache-Modul mod_wsgi, das vielerorts für seinen niedrigen Speicherbedarf gerühmt (und von den Django-Entwicklern empfohlen) wird. Im Gegensatz zu mod_python wird mod_wsgi von einem einzigen Menschen gepflegt, der darüber hinaus den Ehrgeiz zu haben scheint, jede Anfrage in jedem Forum persönlich zu beantworten und jeden Artikel selbst zu kommentieren. Sehr sympathisch.
Auch die Installation und Konfiguration von mod_wsgi ist erfreulich spannungsarm – wenn man davon absieht, dass unter CentOS der Parameter WSGISocketPrefix verwendet werden muss, um einen Socket erzeugen zu können, und mod_wsgi sich im empfohlenen daemon mode nicht mit mod_python verträgt.
Nach der Umstellung, dem Wechsel vom Prefork zum Worker MPM (wobei man die Parameter MaxClients und ThreadsPerChild sehr genau im Blick behalten muss), einigen kleineren Optimierungen in httpd-vhosts.conf –
WSGIDaemonProcess djangoproject user=nobody group=nobody threads=10 maximum-requests=3000 deadlock-timeout=30 inactivity-timeout=100 stack-size=524288
– gerate ich immerhin nur noch in die yellow zone für den Parameter numproc, weil jeder Apache-Prozess für jede Django-Applikation bis zu 10 Threads erzeugen darf. Lediglich der Ansturm mehrerer Suchmaschinenroboter zu sehr unchristlichen Zeiten (3.30 Uhr!) bringt meinen Server weiterhin an den Rand seiner Kräfte.
Damit kann ich leben. Ein Hoch auf mod_wsgi!
2010-04-02
Chuzpe
Das auf den ersten Blick völlig absurde Angebot von Blippy besteht darin, die Einkäufe seiner Mitglieder im Twitter-Stil auf einer Website zu veröffentlichen. Dazu muss man den Betreibern lediglich Zugriff auf die eigenen Accounts (iTunes, eBay etc.) geben. Wenn ein Anbieter diesen Irrsinn ablehnt – wie offenbar Amazon – bietet Blippy einfach an, den Gmail-Account nach Amazon-Rechnungen zu durchsuchen.
Natürlich hat auch Blippy eine Datenschutzrichtlinie, die im Wesentlichen darin besteht, dass Blippy mit den Daten seiner Mitglieder alles tun kann. Wenn man dagegen seinen Account und die zugehörigen Daten löschen lassen möchte, wird Blippy sich lediglich bemühen, diesem Wunsch nachzukommen
.
Andererseits – seit Facebook uns von der zwanghaften Vorstellung einer Privatsphäre
erlöst hat, Spammern großzügig unter die Arme greift, Daten seiner Mitglieder ungefragt verteilt und andererseits die wissenschaftliche Beschäftigung mit den öffentlich zugänglichen Facebook-Daten behindert, sollten wir unsere Hysterie langsam mal ablegen. Wohlan: Gerade eben habe ich Time Out of Mind für EUR 7,95 und Combat Rock für EUR 7,99 bei Amazon gekauft. Viel Spaß beim Profilieren.
2010-04-02
Bescheidenheit
Als Kind/Jugendlicher nur selten Computerspiele gespielt zu haben, hat zwei große Vorteile: Erstens hat man viel Zeit gespart, die man mit anderen ziellosen Tätigkeiten vertändeln konnte, und zum anderen muss einem in mittleren Jahren nicht ständig ein memento mori ins Ohr geflüstert werden. Bescheidenheit empfinde ich schon beim Betrachten meiner Highscores auf dem iPod Touch.
Während ich etwa auf dem besonders punktehaltigen Flippertisch Stones & Bones der Pinball Fantasies 96.130.960 Punkte erspiele, erreicht AJM 926.802.760. Freue ich mich über mit viel Glück erspielte 58.304.140 Punkte bei den Speed Devils, lächelt schon wieder AJM von Platz 1: 215.781.670.
Noch grotesker ist die Situation bei Doodle Jump. Ich liege nach einigem Training bei 30.350 Punkten (und halte 50.000 Punkte grundsätzlich für erreichbar), aber die globale Bestenliste beginnt erst bei 684.058 (Platz 100, Playa666) und gipfelt in 4.196.867 (Platz 1, Charlie Jeffrie). Wenn ich mal unterstelle, dass die Hüpferei oberhalb meines bisherigen Highscores eher noch schwieriger wird, kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen, wie man solche Punktzahlen erreichen kann.
2010-04-01