Nation kommt aus dem Lateinischen und leitet sich von nascire (geboren werden) ab. Ursprünglich bezeichnete natio (die gleich Geborenen) eine ethnische Gemeinschaft, einen Stammesverband. Das Staatsvolk des Römischen Reiches dagegen hieß populus.
Nach der Übernahme des Begriffs in die europäischen Volkssprachen begann im späten Mittelalter seine Politisierung, d.h. die Anwendung auf die Bevölkerung eines bestimmten Gebietes oder Staates. Zunächst wurde auf den kirchlichen Konzilien nach den vier großen Nationen abgestimmt, dann begann die Geschichtsschreibung, die Bevölkerung eines Staates als Nation zu bezeichnen (allerdings meist noch auf den Adel oder die Führungsschicht bezogen). Die Repräsentanten der einzelnen Stände in den spätmittelalterlichen Ständeversammlungen bezeichneten sich als Nation und verengten den Begriff damit auf einen Bevölkerungsteil.
Im 19. Jahrhundert (ab 1789 in Frankreich) wurde er erneut auf die Gesamtheit der Bürger angewandt. Nichtstaatliche Gemeinschaften griffen allerdings auf ethnische oder kulturelle Gemeinsamkeiten zurück, um ihre politischen Forderungen nach einem gemeinsamen Nationalstaat zu legitimieren (Deutschland 1848). Die Re-Ethnisierung des Begriffs nahm in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zu. Die europäischen Mächte grenzten sich als ethnisch einheitliche Nation von der Bevölkerung der Kolonien (die staatsrechtlich zur selben Nation gehörten) ab. Dieses nationale Selbstbewußtsein hatte bereits starke rassistische Tendenzen, die in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts schließlich zur Perversion der nationalsozialistischen Ideologie führten.
Der Begriff Nation ist heute in Deutschland ungebräuchlich, weil es seit 1933 keine nationale Souveränität und damit keinen Nationalstaat gegeben hat - nicht umsonst benutzten die Nationalsozialisten meist „Volk“ statt „Nation“.
Im Konzept dieser Vorlesung wird ein Nationsbegriff verwendet, der weitgehend mit Böckenfördes (FAZ) Standpunkt übereinstimmt. Die Nation wird verstanden als politische Interessensgemeinschaft, die ein eigenes, eindeutig bestimmtes Siedlungsterritorium besitzt (allerdings unter Umständen darüber hinausgreift, z.B. durch Kolonialismus) und sich gegenseitig die gleichen politischen Rechte gewährt. Die Inhalte und Ziele einer solchen Interessensgemeinschaft sind politische Autonomie, gemeinsame Interessen in Bezug auf das „Vaterland“ (Patriotismus) und ein gesellschaftlicher Grundkonsens über die Form des Staates, den man als politische Kultur bezeichnet. Diese politische Kultur ist nicht gleichbedeutend mit der nationalen Kultur oder der Hochkultur, die sich auf eine Kulturgemeinschaft (z.B. das christliche Abendland) bezieht. Nationen sind Entwicklungsprodukte eines Emanzipationsprozesses der Bildungsschichten, die sich über das archaische Verständnis von Gemeinschaft erheben und ein Bewußtsein für die Gemeinsamkeiten einer Nation entwickeln.